Andreas ist nach dem Hundeangriff mit einem blauen Fleck davon gekommen. Der Papierkram auf der salvadorianischen Seite zieht sich zwar etwas in die Länge, ist aber alles in allem recht unkompliziert. Es ist nur für uns Bürokratie-geübte schwer nachvollziehbar, warum erst alle Informationen von einem Mitarbeiter per Hand mühevoll in ein Papier eingetragen werden, damit ein weiterer sie dann später in das Computersystem bringt – warum nicht direkt? Anton und ich spielen unterdessen Fußball, sogut das vor Ort eben geht, und so vergeht die Zeit im Handumdrehen. Bienvenidos en El Salvador. Jetzt sind wir also im „Däumling Zentralamerikas“ angekommen. In uns mischt sich die Neugier mit den alten Bildern aus Bürgerkriegszeiten und den Warnungen vor dem „so gefährlichen Land“. Wir sind ganz offen und zunächst erst einmal auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz...
Kaum von der Grenze entfernt, stehen wir auf einmal schon
mitten Ort Metapan und fahren doch noch einmal zurück um das Restaurant/Hotel „Montechristo“ mit viel Suchen zu finden. Es ist nach dem naheliegenden Naturschutzgebiet benannt, dass für uns leider in der aktuellen Regenzeit nicht weiter befahrbar ist. Nachdem der Besitzer uns schon einen größeren Betrag abknöpfen wollte, können wir ihn noch herunterhandeln und seine überfreundliche Mitarbeiterin, mit der wir den Rest der Zeit das Vergnügen haben, macht den ersten Groll wieder zunichte. Anton wiederholt von nun an verzückt „mi amorrrr“, wie sie ihn immer wieder genannt hat :). Von Metapan aus führt unser Weg vorbei an Santa Ana zum gleichnamigen Vulkan an den „Lago de Coatepeque“. Wir versuchen auf gut Glück einen Übernachtungsplatz zu finden und landen per Zufall im „Rancho Alegria“ – welche Freude! Vor uns liegen direkt der See, dahinter die Vulkane und Berge und im Restaurant auf Stelzen kann man sich erfrischen, beköstigen lassen und sogar ins Wasser springen. Das haben wir uns auch verdient, denn die Buckelpiste von der Hauptstraße bis unten zum See ist alles andere als ein Vergnügen, abgesehen davon, dass wir uns mal wieder verirrt glaubten. Anton entdeckt hier eine neue Leidenschaft: auf dem Billardtisch
krabbeln und Kugeln in Löcher rollen. Wenn jetzt auch noch sofort das versprochene Internet funktioniert hätte, wäre es zu perfekt gewesen. Wir genießen die Umgebung, die uns ein wenig nostalgisch an den Atitlansee denken lässt, lassen den Tag an uns vorbeiziehen und werden zum Schluss noch mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. Wir kommen mit sehr freundlichen Einheimischen ins Gespräch und fühlen uns sehr willkommen nach diesem unserem ersten richtigen Tag hier. Wir bekommen unter anderem Telefonnummern und Hilfsangebote und der Nachtwachen-Polizist warnt uns vor korrupten honduranischen Kollegen. Einen besonderen Einheimischen treffen wir noch – ein riesiger Grashüpfer sieht sich neugierig in unserem Bus um. Vom See wollen wir in Richtung Meer fahren. Dazu reihen wir uns jetzt auf der Panamericana ein, die wir am Vortag schon von Weitem bestaunt hatten, und gleiten auf breiten zwei Spuren gen San Salvador. Ein historischer Moment, denn bis jetzt waren wir noch nie auf der Panamericana auf dieser Reise. Dass man unweit der Tore der Stadt sein muss, erkennt man spätestens daran, dass es unaufhörlich bergauf geht und die Luft immer dünner wird. Letzteres liegt vor allem an den rußenden LKWs
und (amerikanischen Schüler-)Bussen. Wir dürfen zum Glück schon in Höhe von Santa Tecla abbiegen und rollen nun steil bergab auf den Hafen von La Libertad zu. Wir heben uns den Ort für den Folgetag auf und suchen nach der Abfahrt für den kleinen touristischen Surferstrand El Tunco. Dieser Küstenabschnitt hat eine der zehn weltbesten Surfwellen und somit trifft man auch unweigerlich auf diverse coole Jungs (und Mädels!) mit Brettern unterm Arm und Mumm in den Knochen. Ich frage mich wirklich, wer auf die Idee gekommen ist, diesen Ozean Pazifik zu nennen?! Ich empfinde ihn alles andere als friedlich! Wir finden einen netten – wenn auch heißen - Stehplatz in „El Indio“, nach seinem Betreiber benannt, auf dem man das Meer zwar nicht sehen, aber doch laut hören kann. Zugang haben wir über die benachbarten Bars. Die Flut hat leider schon den kompletten Sand eingenommen und es schauen nur noch große Kiesel raus, so dass wir das Sandspielzeug gleich wieder einpacken und für Anton das Planschbecken aufbauen. Vor den Bars kann man herrlich die großen Wellen und die Surfer beobachten und lauschen, wie das Wasser mit Getöse durch die großen Kiesel rattert. Bei einem frisch gezapften Bier verzaubert sich zum Abend der Himmel in ein Farbenmeer und unsere enttäuschten Stranderwartungen sind wieder besänftigt. Weil wir aber richtig im Sand sitzen wollen, zieht es uns weiter an die Costa del
Sol, einem der längsten Sandstrandabschnitte des Landes. Bevor die Fahrt wieder richtig losgeht, besuchen wir aber noch die Seebrücke von La Libertad, die den örtlichen, sehr eindrucksvollen Fischmarkt beherbergt. Im großen vorderen überdachten Bereich werden frische Ceviche, Fische aller Größen, Garnelen, Muscheln und Co angeboten und Andreas weiß vor Schreck gar nicht, welches der vielen Gerichte, die sich vor seinem inneren Auge nun präsentieren heute Abend auf unserem Tisch stehen soll. Auf dem hinteren Teil der Brücke stehen alle Boote, die mit einer Art Kran aus den Wellen emporgehoben werden und überall wird noch verladen, gehandelt und zerlegt: Aale, große Rochen, rote Schnapper… alles was das Meeresherz begehrt. Wir entscheiden uns für die großen Garnelen und kaufen sie bei diesem lustigen zahnlosen Mann. Weil sich in unserer Kühlbox das Eis am Stück am besten hält, schleppt Andreas zum Amüsement der anwesenden Fischer noch einen Sack mit zwei insgesamt 25kg schweren Eisblöcken zum Bus. Jetzt kann die Fahrt weitergehen und wir sind schon auf halbem Wege, als sich eine Brücke als unpassierbar erweist. Ein paar freundliche Jugendliche wollen uns einen Schleichweg zeigen und sind etwas verwundert, dass wir zum einen den Fluss nicht durchfahren und zum anderen keine Dollarscheine für diesen Vorschlaf verteilen. Ein älterer Mann war zuvor bereits aufgesprungen und hat uns schon ganz klar zurück gen Santa Tecla geschickt. Ohje, das heißt, wir müssen den ganzen steilen Berg wieder rauf! Der große Blaue schnauft, während Anton friedlich
schläft und wir schaffen auch diese Hürde und einen ordentlichen Umweg, denn wir müssen auf der anderen Seite quasi genau so viele Kilometer wieder runter ans Meer zurücklegen. Glück für uns, dass der Flughafen der Hauptstadt hier unten am Meer liegt, denn die Straße dorthin ist bestens ausgebaut. Wie schon erwartet, ist auf dem schmalen Landstreifen der Costa del Sol alles dicht bebaut. Für einen recht horrenden Preis dürfen wir im „Hotel Tresoro“ stehen, dafür aber genau am Pool, unweit vom Meer und mit dem Gefühl als hätten wir einen Palmengarten nur für uns. Auch hier zeigt sich der Pazifik wieder alles andere als friedlich. Die schweren Holzschirme am Strand sind umgerissen, der Sand bis auf wenige Meter eingenommen und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, die Flut würde am Abend unseren Bus erreichen. Als unser Garnelenfestmahl gerichtet ist, fallen schon kleine Tropfen und irgendwann flüchten wir dann doch besser in den Bus. So vergisst man nicht, dass Regenzeit ist und es zeigt sich mal wieder, wie lange alles dicht bleibt. Zum Glück merkt man am nächsten Morgen davon nichts mehr und wir genießen die riesige Badewanne vor der Tür :). Anton bekommt noch eine Portion Sandspielen im schwarzen Vulkansand, bevor wir langsam unsere Sachen packen und uns gen Usulutlan aufmachen. Kurz vor der Stadt darf man das heiße Flachland verlassen und die Straße schraubt sich in relativ kurzer
Zeit bis auf 1200m die Vulkanhänge hinauf. Wir erreichen das idyllische Bergdorf Alegria, in dem wir, wie sein Name es schon sagt, auch sehr herzlich begrüßt werden. Es heißt, wir könnten ohne Sorge an der kleinen Plaza übernachten, hier sei alles friedlich. Es ist Sonntag später Nachmittag und es herrscht lebendiges Treiben. Im Laufe des Abends erzählen uns einige Menschen, dass sie aus der Hitze der tiefer liegenden Städte fliehen und hier so manchen wohltemperierten Wochenendausflug hin machen. Wirklich, es kühlt ab und wir genießen es später sehr, dass man sich nachts auch mal wieder einkuscheln kann :). Nachdem wir gut gegessen haben, auf Antons Wunsch die Kirche bewundern konnten und die vielen Essens- und Blumenstände an der Plaza bestaunt haben, spielen wir für den Rest des Tages eigentlich nur noch Fußball. In einem baulich abgetrennten Bereich der Plaza spielen einige Kinder und so inmitten der Anwohner und Besucher entstehen auch einige interessante Gespräche. Amüsiert erzählen wir den Leuten, dass wir aus Berlin kommen, denn keine acht Minuten von hier befindet sich ein Dorf mit diesem Namen. Da aber die Wolken recht schnell schon den Ort und seine steilen Straßen einnehmen und bald der erste Regen fällt, verschieben wir einen Ausflug dorthin auf den nächsten Tag. Berlin ist keine Schönheit, aber für ein paar Bilder und den Jubel einer kompletten Schule hat sich der kurze
Abstecher dorthin gelohnt. Etwas enttäuscht sind wir dann vom Kratersee des Vulkan Alegria. Vielmehr war der Weg dorthin etwas abenteuerlich – steil, rumpel, steil, rumpel – und die Erwartungen sind dabei vielleicht etwas gestiegen. Der Schwefelgeruch allerdings war schon eindrucksvoll und auch die von der Regenzeit deutlich überschwemmten Ufer. Wir verabschieden uns mit einem letzten Blick durch Kaffeepflanzungen vom herzlichen Dorf Alegria und nach einer kleinen Schweißnaht am Bus (Radkappe) in Santiago de Maria geht es wieder in die Hitze – diesmal nach San Miguel, der drittgrößten Stadt des Landes. Es ist noch recht früh bei unserer Ankunft, aber zu spät, um noch an die Grenze nach Honduras zu fahren. Also entschließen wir uns, das Kühl des Shoppingcenters und vor allen Dingen, die Internetmöglichkeiten, zu nutzen, um den letzten Reisebericht und die Bilder online zu stellen. Die Suche nach unserem Schlafplatz, einer Art Badeparadies am Rand der Stadt, zieht sich leider etwas in die Länge, aber die Mitarbeiter sind so freundlich, uns trotz Schließzeit noch einzulassen und empfangen uns mit einer kaum erlebten Gastfreundschaft. Wir stehen im Schatten großer Bäume, schauen auf die beeindruckenden 2100m des Vulkan San Miguel und Anton kann bis zum Mondschein fleißig Fußball spielen. Auch hier kühlt es nachts angenehm ab, nicht zuletzt durch heftigen Regen. Wir müssen uns beim Frühstück ordentlich stärken, denn vor uns liegt einer der angeblich heftigsten und korruptesten Grenzübergänge unserer ganzen Reiseroute. Es dauert nicht lange, bis man von San Miguel aus El Amatillo den Grenzübergang nach Honduras erreicht. Schon drei Kilometer zuvor wird man von „Helfern“ (alle zeigen ihre
offiziell aussehenden Ausweise) angesprochen, die einem bei der Prozedur helfen wollen. Es heißt allein müsste man mit bis zu sechs Stunden rechnen, außerdem würden sie auch die entsprechenden Zollbeamten kennen. Die Ausreise aus El Salvador ist nicht weiter kompliziert. Schon beim Überqueren des Flusses wird man von einem finsteren Polizeibeamten angehalten und „unser“ Giovanni klärt kurz den Sachverhalt. Mit uns direkt spricht der Beamte gleich gar nicht. Dann parken wir den Bus, Anton und ich versuchen die lange Weile zu verscheuchen und die Hitze auszuhalten, während Andreas Mühe hat, Giovanni zu folgen, der kurzerhand mit unseren Originaldokumenten lospirscht. Er holt einen Zollbeamten, der eigentlich gerade beschäftigt wirkte und sich nun direkt der Besichtigung unseres Busses widmet. Ein ziemlich unangenehmer Mensch, der sich witzig vorkommt, dabei immer hinterm Berg hält, was er eigentlich will und der offensichtlich auf-Teufel-komm-raus einen Fehler sucht. Er findet ihn, denn der salvadorianische Zoll hat „Transporter“ statt „Wohnmobil“ auf den Zollschein geschrieben und das würde bedeuten, wir müssten bis ins Detail unsere Ladung darlegen und verzollen. Für dieses gefundene Fressen und die nötige Änderung im Formular/bzw. Pass brauchen wir laut Giovanni 50US$. Wir haben bis jetzt keine Ahnung, wer genau wie viel von dem Geld bekommen hat, aber es war auf jeden Fall eine fiese Schweinerei. Leider hat die strenge zuständige Beamte (der dicke unangenehme war also nur ein Vorarbeiter) noch entdeckt, dass sowohl die internationale Zulassung nach nunmehr einem Jahr abgelaufen, als auch unsere deutsche Zulassung abgestempelt ist (wir sind ja in Deutschland nicht mehr angemeldet). Ein großes Problem! Mit viel Diskussion, unlogischen Zugeständnissen und weiteren 80US$ (wovon es für ca. 60$ eine Quittung gibt)bekommen wir die nötigen Papiere und können nach nun doch fast drei Stunden endlich diesen Teufelsort verlassen. Jetzt müssen wir nur noch durch Andreas‘ gefürchteten
Polizeikontrollen, die in Honduras als besonders korrupt gelten. Die erste erweist sich als sehr freundlich, später werden wir nie angehalten und nur kurz vor der Grenze Nicaraguas treffen wir auf einen richtigen Spezialisten. Der gute Mann setzt eine „colaboracion“ von 20 US$ an, weil er sich (O-Ton) etwas zum Trinken kaufen möchte. Andreas lässt ihn mit einem klaren „No“ abblitzen, woraufhin der Beamte ihm die Freundschaft kündigen will. Freundschaft hin oder her, wir können einfach weiterfahren und fragen uns noch einen Moment, wie ernst es diesem Mann eigentlich war. Und dann winkt uns auch schon Nicaragua freundlich zu. Die Ausreise aus Honduras ist unkompliziert und mit Pauken und Trompeten rollen wir auf die nicaraguanische Seite. Hier wird fleißig für den morgigen Feiertag geprobt, denn ganz Zentralamerika feiert seine Unabhängigkeit. Wir sind froh, von Grenzbeamten unabhängig zu sein und genießen die Gastfreundschaft Nicaraguas nach dieser Odyssee.
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