Auf dem Weg gen Süden hatten wir einen großen Bogen um Honduras gemacht. Damals gab es immer wieder schlimme Meldungen bezüglich Unwettern und Dengue-Erkrankungen. Die damalige Durch- und vor allem Einreise hat uns noch lange in den Knochen gesteckt - nie wieder hat man uns so korrupt behandelt
und abgezockt! Dieses Mal beginnt alles ganz entspannt und professionell und wir sind froh, diesen zeitlichen Vorsprung zu haben. Vor uns liegt eine recht lange Fahrt. Zunächst geht es entlang der Panamericana und zu unserer Verwunderung werden wir an keinem einzigen Polizeiposten auch nur angehalten. Dann führt die Straße zur Landeshauptstadt Tegucigalpa die Berge hinauf und wir verlassen die heiße Ebene um Choluteca. Uns begegnen abenteuerliche Transporte, mitten aus dem nichts auftauchende große schöne Kirchen, einfachste Wohnverhältnisse und vor allem Kamikaze-Fahrer. Nie haben wir Andreas so schimpfen hören, wie auf Honduras Fernstraßen. Da wird man z.B. auf ansteigender Straße ohne Seitenstreifen mitten in der Kurve überholt, komme, was wolle! Eigentlich geht unser Zeitplan gut auf, würden wir nicht kurz vor "Tegu" (wie man hier liebevoll sagt) eine gute Stunde lang im Stop-and-go stehen. Ein bisschen mulmig wird uns schon, denn da auch hier bekanntlich die Dunkelheit um halb sechs auf einen herniederstürzt, bleibt uns nicht mehr viel Zeit, die Vororte der Großstadt hinter uns
zu lassen. Dafür spielt unsere Kinder-CD munter die Weihnachtsbäckerei, Atte katte nuwa, die Vogelhochzeit und andere große Hits - die Anton mittlerweile alleine singen kann - und erhellt uns die Stimmung um einiges. Dem Stadtring sei Dank holen wir einige Minütchen wieder auf und gehen vor allem kein Risiko des Verlorengehens ein. Unser heutiges Ziel Valle de Angeles liegt nach einigen Serpentinen auf angenehmer Höhe nördlich der Hauptstadt im Nationalpark "La Tigra". Es ist eben doch schon dunkel, als wir ankommen und uns fällt spontan nur unsere positive Erfahrung bei der Feuerwehr ein, die uns dann auch freundlich willkommen heißen. Der Hauptmann ist extrem bemüht und bedauert ausdrücklich, dass er uns aus Platzmangel nur vor dem Gelände stehen lassen kann. Auf einem ersten abendlichen Erkundungsgang durch den friedlichen (fast schläfrigen) Ort, fällt spontan der Strom aus und wir sind wahrscheinlich die einzigen im Dorf, die während einer Stunde mit Deckenlicht gesegnet sind. Wir spazieren am nächsten Vormittag erneut durch die Gassen: Der Ort hat wirklich Charme mit seinen kleinen ziegelgedeckten Häuschen, den gepflasterten Gassen und den alten Beschilderungen. Es gibt ein Souvenirgeschäft am anderen und kurioserweise
werden viele Stücke aus Peru angeboten. Wieder liegt eine längere Fahrt vor uns und wir müssen unserem engelhaften Erstaufenthalt den Rücken kehren. Auf der Suche nach befremdlichen Fahrgeräuschen (die sich Tage später leicht beheben lassen) findet Andreas ein faustgroßes Loch im Auspuffrohr. So verbringen wir, nach etlichen Preisverhandlungen, eine gute Stunde in einer Werkstatt am Rande Tegus. Ausgerüstet mit einem eingeschweißten Zwischenstück geht also weiter, vorbei an Kolonialorten, Kaffeeröstereien, Unmengen von Baustellen (unser Kind ist mit Staunen über Bagger, Walzen, Raupen…lange beschäftigt :)) bis an den größten See des Landes, den Lago Yojoa. Wir kehren aufgrund der einbrechenden Dunkelheit in einem winterschlafenden Hotel ein und genießen erst am nächsten Morgen des Ausblick auf den See und die vielen bunten Vöglein, die unmittelbar vor dem Bus ihren Auftritt feiern. Dann steht nur ein Umzug an die Nordseite des Sees an, denn hier auf der "Finca las Glorias" fühlen wir uns erst wieder richtig angekommen. Das Landgut, auf dem Kaffee, Orangen und Blumen angebaut werden beherbergt ein für hiesige Verhältnisse recht nobles Hotel und diverse Konferenzsäle, in denen ein Betrieb nach dem anderen Weihnachtsfeiern abhält.
Wir genießen es, so viel Frei- und Spielraum zu haben, schlafen unter Orangenbäumen, zünden feierlich das dritte Lichtlein an, entdecken Pferde und Esel zum Streicheln, erhaschen tolle Ausblicke auf den See, und das umliegende vulkanische Bergland und surfen mal wieder entspannt im Internet. Ein Ausflug in eine weitere Schlafoption in einer Minibrauerei hat uns zwar Hausbräu, aber keine schlagende Alternative geboten. Wir sind fest entschlossen zurückgekehrt und am Ende gleich drei gemütliche Tage geblieben. Lediglich die Festgäste ändern sich regelmäßig und damit auch der Lautstärkepegel. Während nebenan mal wieder in der Messe (alles liegt hier unter Gottes Hand) Gitarrenmusik erklingt, üben sich etwas entfernt die PhilipMorris-Mitarbeiter im Karaokewettstreit. Das alles kann der friedlichen Landschaft aber nicht viel anhaben. Wir sprechen mit verschiedensten Menschen, von Teilnehmern einer landesweiten Pädagogentagung bis hin zu den einfachen Finca-Mitarbeitern. Während wir so unter den Orangenbäumen leben, fällt es uns schwer vorzustellen, dass dieses schöne Land erst seit den
achtziger Jahren frei von Diktatur regiert wird und nach dem schlimmen Hurrikane Mitch 1998 Schäden von 2Billionen Dollar reparieren musste. Ein leichter Schatten wirft für mich die honduranische Unterstützung und Beherbergung der Contras im Kampf gegen Nicaraguas Sandinisten, wo ich mich doch immer wieder durch Gioconda Bellis Worte mitten in den Zeiten der Revolution und ihren Ungerechtigkeiten befinde. Das einzige was WIR hier gegen Ungerechtigkeit tun können, ist, dem freundlichen jungen unterbezahlten José Luis ein paar Kleider für seine Kinder mitzugeben, die Anton nicht mehr passen und die er überglücklich entgegen nimmt. Nur um die Relationen darzustellen: er müsste in Stall und Hof zwei Wochen arbeiten, um sich ein Zimmer im hiesigen Hotel leisten zu können. Der 25jährige wirkt im Gespräch so aufgeklärt und entschlossen, dass ich spüre, dass er es schaffen kann, seinen Kindern bessere Bedingungen zu bieten, als er sie jemals bekommen hätte. In den vergangenen Tagen und bereits auf der Reise hierher haben wir von zunehmender Militarisierung der Region Copan zu Gewährleistung der allgemeinen
Sicherheit gehört. Wir sind verunsichert und fragen uns, ob wir in einem Land, das vor grob einem Jahr den letzten Militärputsch erlebt hat, wirklich entspannt reisen können. Man beruhigt uns mit den Worten, dass es genau jetzt aufgrund der Kontrollen wahrscheinlich so sicher sei wie sonst nie. Uns bleibt nichts, als den Argumenten und der scheinbaren Indifferenz der Leute zu vertrauen und wir machen uns auf die Reise in den Westen des Landes, dicht an die Grenze Guatemalas. Weil alles so friedlich anzusehen ist, wie sonst auch, verfliegt unsere anfängliche Unsicherheit schnell. Wir sind am Ende eher überrascht, dass es keinen einzigen Kontrollposten unterwegs gibt. Am späten Nachmittag erreichen wir Sta. Rita de Copan, wo wir im schicken Freizeitpark (-bad) eines Hotels übernachten. Der tiefrote Abendhimmel bereitet uns schon etwas auf die Mystik der uns umgebenden Landschaft und ihre uralten Gräber und Stätten vor. Es scheint, als wollte ein kühler, regnerischer Tag vor uns liegen, doch kaum betreten wir das Parkgelände der Ruinen von Copan, bricht der Himmel auf und die Sonne wärmt uns. Zur Begrüßung sitzen am Parkeingang eine Truppe hellroter Aras, die hier nisten und munter über den Besuchern umher fliegen und krächzen. Wir befinden uns in der südlichsten der Mayastädte, die im Vergleich zu vielen anderen nicht von den spanischen Conquistadores eingenommen worden sind. Bis ins 8.Jh. wurden hier vor allem künstlerische Denkmäler gesetzt. Die vielen kunstvoll behauenen Stelen, Altare und vor allem die Hyroglyphentreppe - mit ihren 55 Stufen der
längste in Stein gemeißelte Mayatext - sind es, die Copan so besonders machen. Wir verbringen über zwei Stunden damit, alles zu entdecken und erlaufen, Treppen zu steigen, die Ausblicke zu genießen und die vielen Details zu bewundern. Zum Teil sind riesig gewachsene Ceibabäume auf den Tempeln gewachsen und scheinen mit ihren Wurzeln die Steine zusammen zu halten und mit den dicken ausgebreiteten Armen Geschichten aus zig Jahrtausenden zu erzählen. Anton übt zwischendurch Purzelbaum auf der Wiese und erfreut sich an der Weitläufigkeit des Geländes. Mit Blättern und Sand kann man ja so wunderbar "Schnitzel" machen. Zum Abschied sitzen uns die buntesten und schönsten Vögel Spalier und sogar ein Aguti kreuzt unseren Weg. Zurück auf dem Parkplatz finden wir durch Zufall unseren heutigen Schlafplatz. Aus einer Spontanaufnahme eines Wohnmobils vor drei Jahren hat der engagierte Reiseführer Mauricio, der direkt gegenüber vom Parkeingang wohnt, ein Projekt gemacht. Mit seinem kleinen Gehalt versucht er über die Jahre einen kleinen Campingplatz und ein Restaurant
aufzubauen. Wir fahren aber zuvor in den Ort Copan Ruinas, einem kopfsteingepflasterten beschaulichen Örtchen auf einem Hügel, das zunächst erst einmal keine Parkmöglichkeit für uns bietet. Es sind Himmel und Menschen unterwegs, denn das Land verteilt heute einen Bonus an die arme Bevölkerung. So befinden wir uns mirnichtsdirnichts inmitten vieler indigener Menschen und versuchen uns vorzustellen, wie verschlafen der Ort wohl sonst sein mag. Nach einem Imbiss am Straßengrill mit lang vermissten Tortillas, einem Markteinkauf und dem Stöbern in Souvenirläden, ziehen wir uns aber lieber wieder zurück. Wir parken auf Mauricios Grundstück, wo binnen Minuten Hühner, Katzen, Hunde und eine Pferd unsere Nachbarn werden. Antons Badewasser wird auf einem Holzfeuerherd erhitzt, während er munter mit seinem Fußball das Gelände erschließt. Der Herbergsvater zeigt stolz, was bereits in seinem Garten zu sprießen beginnt und weiht uns in diverse Bauvorhaben ein. Es ist fast anrührend, wie er sich Stück für Stück einen Traum erfüllt - und so hat er auch sein Haus genannt "Casa de Sueno".
Die Einfachheit, die uns hier umgibt, ist nach den eher besser situierten Hotels eine angenehme Abwechslung und lässt uns Land und Leben noch etwas näher kommen. Am nächsten Morgen führt unser Weg schon wieder an die Landesgrenze. Mit wenig Aufwand erledigen wir die Formalitäten und können mit Anton Honduras winken und "Tschüß" sagen. Auch wenn wir einige sehr schöne Teile des Landes aus Sicherheitsgründen auslassen mussten und in diesem Land sicher bisher am angespanntesten gereist sind, sind wir froh, die vielen positiven Eindrücke und Gesichter mitnehmen und erinnern zu können. So merkwürdig es auch klingen mag, wir haben auch das kühle Bergklima im gesamten Land sehr genossen - tagsüber wärmende Sonne und nachts teilweise ordentlich frisch. Vielleicht fällt es so auch den weihnachtlichen Gefühlen leichter, aufzukommen…
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