Wir haben es noch am späten Nachmittag über die Grenze geschafft die alles in allem sehr angenehm war. Allerdings hatten uns die Beamten in Honduras derart geschröpft, dass wir nur mit Mühe und Not und nur in vier verschiedenen Währungen die entstehenden Kosten bezahlen können. Nun rollen wir in Somoto,
auch Nicaraguas Hauptstadt der Esel genannt, ein. Überall sieht man die freundlichen Tiere grasen oder auch geduldig vor einem Geschäft oder einer Bar auf seinen Besitzer warten. Wir erhalten die Empfehlung, bei der örtlichen Feuerwehr Unterschlupf zu bekommen. Dort scheinen wir nicht die ersten Gäste dieser Art zu sein und werden freundlich empfangen und eingewiesen. Erstaunt finden wir einen roten Bruder (in einem phantastischen Zustand) für unseren großen Blauen. Das spanische Modell dient hier als Notfallwagen und bekommt als Übernachtungsspende einen neuen Ölfilter von uns. Wir treffen auch in Folge noch einige Mercedes-Busse und –LKWs teils aus Deutschland, teils aus Brasilien aber Ersatzteile aufzutreiben ist nicht gerade einfach. Seit unserer Ankunft lauscht Anton gebannt den Trommelschlägen und bewundert bunt geschmückte Schülergruppen. Am nächsten Morgen ist es dann soweit, die Unabhängigkeit wird zelebriert und wir schauen uns das Schauspiel im örtlichen Baseballstadion an. Im Wettkampf stehen Formationen aus Tänzern und Musikern verschiedener Schulen und um uns werden abwechselnd Jubel oder Buh-Rufe laut. Nach weiteren intensiven Gesprächen mit den Feuerwehrleuten und einem Spaziergang durch den Ort machen wir uns auf die Weiterfahrt. Eigentlich wollten wir nur bis Esteli fahren. So richtig einladend erschien es uns dort aber nicht,
so dass wir kurzerhand weiter und in die Berge weiterfahren. Auf halber Strecke in Richtung Managua verlassen wir die Panamericana und schnaufen in die Kaffeeberge des Landes. Vor den Toren von Matagalpa passieren wir so einige Kaffeeproduduzenten und –plantagen. In der Innenstadt wird noch fleißig getrommelt und getanzt und auch hier können wir noch bisschen lauschen und staunen. Wir haben den Plan in der „reserva selva negra“ (Schwarzwald) nach einem Übernachtungsplatz zufragen, denn dieser Platz mit seinen Wanderwegen, seiner Kaffeeplantage und seinem deutschen Ursprung schien uns geeignet für eine längere Zwischenstation. Unser Optimismus wird an einer Schranke von einem Wachmann mit Walky-Talky durch eine klare Absage jäh gebremst. Ein teures Zimmer können und wollen wir uns nicht leisten, also müssen wir umdrehen und die steile Buckelpiste wieder zur Hauptstraße zurückfahren. Vielleicht war es Glück, denn sonst hätten wir wenig später nicht das Geländes des Restaurants „El Disparte de Potter“ und seine freundliche Besitzerin Delia gefunden. Wir dürfen über Nacht
bleiben und sind für kurze Zeit stolze Besitzer (der Wachmann sei gerade nicht da) eines Restaurants, eines Felsens mit Aussicht, eines armen Klammeraffen und einer Horde wildgewordener Stechfliegen (Sandflies). Die blöden Fliegen berauben uns der frischen Nachtluft, denn wir schlafen sicherheitshalber bei geschlossenen Fenstern. Gemein, wenn man weiß, dass es demnächst unendlich heiß wird und wir hier in den kühlen Bergen stehen. Am Folgetag treffen wir auf dem Aussichtsfelsen auf eine Gruppe Kinder in Begleitung zweier Frauen und eines Paters in brauner Kutte. Der kleine Mann mit italienischem Akzent hat einen unheimlich witzigen, trockenen Humor und die Kinder stimmen kurzerhand ein paar Liedchen für Anton an. Ein Bild für die Götter – oh, Entschuldigung! – ist der Pater, wie er es mit unserer Kinderwagenpumpe schafft die Autoreifen seines VW-Busses aufzupumpen, ohne sich auch nur einen Deut dabei helfen lassen zu wollen. Wir treffen den Bus noch mehrfach wieder, denn die Kinder kommen aus San Rafael, unserem heutigen Ausflugsziel. Auf der Durchreise bringen wir in Jinotega unseren Bus auf Vordermann und lassen sämtliche Öle wechseln. An der Ortsausfahrt haben sich Pfützen gebildet, die bereits das Ausmaß einer Flussdurchfahrt anzunehmen
scheinen. Wir treffen auf einige IFA-Laster, die Kaffee und ähnliches transportieren. Ein lustiges Bild, wenn ich bedenke, dass die vor 20Jahren bei uns, zu DDR-Zeiten, auch überall zu sehen waren. Die Straße nach San Rafael del Norte wird wieder gut befahrbar, nur ein anständiger Regenguss begleitet uns bis ins Dorf hinein. Wir flüchten zunächst in die für so einen kleinen Ort groß dimensionierte Kirche, die mithilfe italienischer Franziskanermönche aufgebaut und mit allerlei importierten Ikonen bestückt wurde. Im Eingang stehen noch original vom Vatikan verpackte Kirchenglocken. Irgendwie kann man sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn in diesem verschlafenen Örtchen, an dessen Plaza Pferde grasen, z.B. zur Osterprozession hunderte von Pilgern einziehen. Ein großer Festakt ist auch die jährliche Huldigung des Paters Odorico D’Andrea aus Abbruzzo, der sich hier zeitlebens sozial sehr engagiert hat. Ihm zu Ehren wurde eine Kapelle mit dem Schrein für sein Grab auf einem Hügel hinter dem Ort erbaut. All das erfahren wir von William, der uns nach dem Essen im Hause seiner Mutter, durch den Ort führt. Auf der Suche nach einem kleinen Restaurant, sind wir im Wohnzimmer einer Familie gelandet, die uns als „Comedor“ empfohlen wurde. So sitzen wir mal wieder mitten drin, Anton bestaunt das Feuer im Lehmofen, auf dem gekocht wird und die Frauen bestaunen Anton, der seine spanischen Vokabeln zum
Besten gibt. San Rafael ist aber auch noch anderweitig bekannt geworden. Vom Hause seines Schwiegervaters aus hat der Rebell General Sandino Ende der 20erJahre seinen Truppen Telegramme mit Instruktionen in die verschiedenen Bergregionen geschickt. Ein zahnloser älterer Mann schließt uns wider Erwarten das Museum auf und badet uns förmlich in allen Informationen, die er über die Jahre gesammelt hat. Er kommt aus dem Dorf und hat Sandino schon in seinen Jungen Jahren kennenlernen dürfen. Das Museum braucht dringend bautechnische Unterstützung, denn die Dielen geben Stück für Stück den Geist auf und auch das Dach kämpft tapfer, besonders in der aktuellen Regenzeit.
Wir beschließen spontan, dass wir wieder am gleichen Schlafplatz übernachten wollen und schnaufen nach Jinotega wieder die steilen Berge hinauf „unserem“ Restaurant. Am nächsten Tag verlassen wir die Berge wieder und halten Kurs auf Granada. Erst kürzlich mussten wir feststellen, dass unser Kühlwasserbehälter undicht ist – Riss aus Altersschwäche – und da wir so kurz vor der Hauptstadt, Managua, sind, versuchen wir bei einem empfohlenen Laden, einen Ersatz zu besorgen. Da sich das Ganze als mehr als kompliziert herausstellt, werden wir an eine Lackiererei weiterempfohlen, die den Riss mit einem Lötkolben und geschmolzenem Plastik wieder reparieren - immerhin besser als unser Panzertape. Leider tropft er 100km später schon wieder. In dem einfachen Vorort sind wir mal wieder die Attraktion und Groß und Klein fragen ungläubig, was das denn für eine Art Transport sei. Managua hat für Touristen nicht wirklich viel zu bieten und so verlassen wir den Großstadt-Ring schnell wieder und nehmen die alte Landstraße nach Masaya, von wo aus es keine 15km mehr ins schöne alte und koloniale Granada sind. Stellt sich nur noch die Frage nach dem Übernachtungsplatz, denn so schön Kolonialstädte sind, es hat kaum einer einen Parkplatz, und
wenn dann ist die Einfahrt meist nicht hoch genug. Wir drehen ein paar Kreise und halten dann Ausschau nach dem „Centro Touristico“, einer Art Park mit Restaurants, Spielplätzen etc, direkt am großen Nicaragua-See gelegen. Am Ende schlafen wir in einem kleinen, gut bewachten privaten Hafen, mit frischer Seeluft und freundlichen Mitarbeitern, unweit der „Isletas“, einer vorgelagerten Inselgruppe. Am frühen Morgen wird es hier lebendig, denn die Inselbewohner legen mit Ruderbooten an und verladen Fische und Gemüse – und auch einen Sack voll lebendiger Hühner - für den Marktverkauf. Wir lassen zunächst einen riesen Berg Wäsche in der Wäscherei und geben nach einem kurzen Versuch auf, ein Hotel mit Parkplatz zu finden. Wir parken den Bus direkt an der beschaulichen Plaza, wo ein kleiner Mann den ganzen Tag „Wache“ für uns schiebt. Der Tag in Granada wirkt ein bisschen wie Antons Geburtstag, aber wir haben beschlossen, nach all der Fahrerei, können kleine Wünsche ruhig mal erfüllt werden. Es ist soweit, wir fahren mit einer Kutsche. Das erste Modell müssen wir wegen dem gequält aussehenden Tier ablehnen und sitzen auf bei „Nacho“ und „Marvin“. Anton ist begeistert, spätestens, als wir an einer echten Pferdetränke Rast machen. Wir verschaffen uns einen
Überblick und bekommen so einiges erklärt, später laufen wir noch einmal in Ruhe einzelne Orte ab. Während ich im Kulturzentrum „Casa de Los Leones“ Postkarten aussuche, spielt Anton mit einem Mädchen Ballon. Draußen vor der Kathedrale sind kleine Bühnen aufgebaut, wo zu Wohltätigkeitszwecken und zu Ehren der örtlichen Polizei Musik und Tänze aller Altersklassen dargeboten werden. Zur Feier des Tages essen wir eine Waffel – das hatte sich Anton schon seit dem letzten Besuch von Oma und Opa gewünscht. Das teure Exemplar reicht fast für drei Tage :). Um beim Thema Süßes zu bleiben, besuchen wir das Cacao-Museum, wo wir erfahren, was alles geschehen muss, bis die fertige Tafel auf dem Tisch liegt. Ich beginne nach einer leckeren Kostprobe mal wieder unsere richtig gute Schokolade zu vermissen und lerne, wer hätte es gedacht, dass wir, also Deutschland, im pro-Kopf-Verbrauch der Welt bereits an zweiter Stelle stehen:). Durch einen glücklichen Zufall begegnen wir bei Entgegennahme unseres Wäscheberges dem Wäscherei- und Hotelchef Antonio, der uns kurzerhand eine Dusche in seinem leer stehenden Haus anbietet – damit sind wir wieder „frisch“ und die lästige Suche nach einem Hotel o.ä. los. Bevor wir unseren alten Hafenschlafplatz wieder
ansteuern, probieren wir „vigorón“, eine nicaraguanische Spezialität, bei der Yucca, mit Krautsalat, frittiertem Schweinespeck, Tomate, Chilli und Limettensaft im Bananenblatt serviert wird. Am Folgetag verlassen wir die Stadt wieder, nachdem wir noch einmal ausgiebig den alten Bahnhof besichtigen, der mittlerweile als Ausbildungsstätte für diverse Handwerksberufe genutzt wird. Unser Ziel ist Masaya, das als die Stadt des Kunsthandwerks gilt. Unsere fröhliche Fahrt wird jäh vom strengen Blick eines Verkehrspolizisten unterbrochen. Wir hätten die Spur in der Ausfahrt aus dem Kreisverkehr gewechselt und dafür würde er jetzt Andreas‘ Führerschein kassieren und wir sollte ein Bußgeld bei der Bank zahlen (heute ist Sonntag!). Wir verhandeln und entschuldigen uns mehrfach und machen deutlich, wie kompliziert sich das ganze Strafprocedere für uns darstellt. Erst mildert er die Summe auf die Hälfte, dann bietet er uns an, dass wir das Dokument nicht in Managua, sondern hier in Masaya abholen könnten und am Ende - er betont wiederholt „na, ich will Euch mal helfen…“ – dürfen wir ganz ohne Konsequenzen
weiterfahren. Was für eine komische Begegnung! Von Masaya sind wir ein wenig enttäuscht – vielleicht haben wir auch nicht die richtigen Gassen gefunden. Die Stadt ist nicht besonders attraktiv und wir sehen bezüglich Handwerk nur den überteuerten Markt – mag sein, dass sonntags weniger zu sehen ist. Der Ausblick auf den Masaya-See und die dahinterliegende Vulkanlandschaft entschädigen uns ein wenig. Weil die Ortsbeschreibung verlockend klingt, nehmen wir die Abzweigung zur Laguna de Apoyo, einem kristallklaren Kratersee. Eh wir allerdings unsere Füße endlich ins Wasser setzen, durchfahren wir noch so manches Schlagloch, Andreas wird mal wieder Champion im Offroad-fahren und schlussendlich nutzen wir den Wasserzugang über ein edles Hotel. Eine Übernachtung vor Ort fällt dann doch wegen fehlendem Ausblick und zunehmenden Moskitos aus. So setzen wir unsere Reise in Richtung „Los Pueblos des la Meseta“ fort, einer Reihe von Chorotega-Dörfern, die auf angenehm temperierten 500m Höhe liegen. Wir verbringen gleich drei Nächte in Catarina, auf dem hochgelegenen Parkplatz des touristischen Aussichtspunktes über die Laguna de Apoyo - so schlafen wir doch irgendwie am See. Innerhalb kurzer Zeit kommen wir mit vielen freundlichen Menschen ins Gespräch und fühlen uns an diesem Platz sehr willkommen. Bei der Ankunft ist der Platz noch rappelvoll und die Disko gibt ihr Bestes,
während wir am nächsten Morgen allein auf weiter Flur stehen. Wir genießen die kühle Luft zum Schlafen, die dörfliche, aber sehr offene Atmosphäre im Ort und Anton den Platz zum ausgiebig Fußballspielen. Nebenan können wir bewundern, wie der Korbmacher täglich 7 Bambuskörbe in Wagenradgröße fertigstellt. Wir treffen ihn im Abendlicht unten im Dorf wieder, wo er sie auf dem Kopf gestapelt an Kunden ausliefert. Mehrfach bleiben wir an einem der Souvenirläden stehen, die den Parkplatz säumen, damit Anton begeistert Marimba, das Klavier Nicaraguas, spielen kann. Nach einem Tag Pause, machen wir einen Tagesausflug, um auch die anderen Dörfer der Umgebung noch etwas kennenzulernen. Jedes Dorf hat, neben seiner besonderen Kirche, seine eigene Spezialität. So ist San Juan del Oriente Heimat der Töpfer. Diriomo produziert seit hundert Jahren Süßigkeiten. Niquinohomo ist Geburtsort des nationalistischen Rebellen Sandino. San Marcos wiederum ist die Heimat seines Gegners Somoza und beherbergt heute Zentralamerikas einzige von den USA akkreditierte englisch-sprachige Universität - hier schlürfen wir seit Monaten den ersten Coffee-to-go, schmunzel…. Masatepe ist Nicaraguas Möbelhauptstadt und besonders Korbmöbel gibt es in allen Größen und Formen – jetzt bräuchten wir einen Anhänger :). Andreas bekommt hier endlich seine (große) Portion „Mondongo“ (Pansensuppe) und wir testen
Nacatamales und „Sopa de Albondiga“ (Bällchen aus Mais, Huhn und Ei in Gemüsesuppe). Den Leguan in Suppe oder gebraten haben wir doch lieber abgelehnt. Im chaotischen Jinotepe drehen wir wieder um machen im beschaulichen San Marcos noch etwas Rast. Eigentlich wollen wir als nächstes den Vulkan-Masaya-Nationalpark besuchen, bewandern und dort übernachten. Die Polizei hält ihn aber wegen eines besonderen Zwischenfalls noch geschlossen, so dass wir den Besuch auf unsere Wiederkehr verschieben. Mit einem
Zwischenstopp in San Jorge, gegenüber der Vulkaninsel Ometepe, fahren wir dann quasi bis an die Grenze zu Costa Rica. Dort begleitet uns die Polizei auf das Gelände eines deutsch-nicaraguanischen Pärchens, nachdem wir einen bestimmten Übernachtungsplatz nicht finden können. Pilar empfängt uns sehr freundlich und die Hunde Tatjana und Jopi tänzeln um uns, während wir es uns im langjährigen Bauvorhaben des Pärchens gemütlich machen. Anton ist mit einem Haufen Sand glücklich, wir probieren köstliche Guanabana (Stachelanone), sehen das erste Mal Pitaya (Drachenfrucht) am Strauch hängen und erhalten die erste Aussicht auf die Berge Costa Ricas vom unfertigen zweiten Stock. Vor der Weiterfahrt am Folgetag an die Grenze von Penas Blancas nutzen wir noch die Kaltwasser-Schüssel-Dusche und versprechen Pilar ein Wiedersehen auf der Rückreise, bei dem wir hoffentlich auch noch Jochen kennenlernen können, der gerade in Deutschland arbeitet. Die Ausreise ist vor allem eng und schlammig. Es stauen sich die LKWs am einzigen auf dem Landweg zu überquerenden Grenzübergang zwischen Nicaragua und Costa Rica. Etwas zeitaufwendig, dafür aber von niemandem abhängig, erledigen wir alle Formalitäten und schon sind wir im Nachbarland, dem Garten Zentralamerikas...
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