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Hola! sagt Anton mittlerweile automatisch, wenn er das Wort Mexiko hört, denn wir haben ihm erzählt, dass man das hier so sagt. Jetzt sind wir wieder
zurück in Lateinamerika, auf das wir uns schon sehr gefreut hatten. Mit Pauken und Trompeten wurden wir empfangen…doch dazu später mehr.
Wir haben also die Grenze sicher hinter uns gelassen und tauchen ab in diese so andere Welt. Schon verrückt, wie sich alles innerhalb so weniger Kilometer verändert. Weil wir auf Nummer sicher gehen wollen, haben wir uns vorgenommen, soweit es geht, aus dem Grenzgebiet herauszufahren. Die Fahrt ist von einigen Militär- und Zollkontrollen unterbrochen, aber bis auf einen möchte-gern-wichtigen Zollbeamten sind alle freundlich und alles verläuft unkompliziert. Zum einen hat man das Gefühl, dass es auch Neugier ist, die hinter einer Kontrolle steckt und zum anderen müssen die jungen Soldaten vor den Augen der Chefs üben und korrekt vorgehen.
In San Fernando angekommen, sind wir die einzigen Gäste im Hof des Motels. Wir werden freundlich vom Personal empfangen und strecken erst einmal alle viere von uns und genießen Ruhe und Sonne nach dieser Aufregung. Am nächsten Morgen hören wir Donner und Getöse und fragen uns kurzzeitig, welcher Feiertag denn heute sein könnte, den man hier so früh am Tage mit Feuerwerk begrüßt. Es stellt sich aber ziemlich bald heraus, dass sich unten im Ort Polizei und Drogenkartell gegenüberstehen, wobei die Polizei Erzählungen nach kaum Waffengewalt hat. Immer wieder hört man Maschinengewehre über lange Zeiträume rattern durchmischt mit einzelnen Schüssen und ab und zu dröhnt dazu noch eine Granate. Es ist alles sehr irreal! Wir stehen weit genug entfernt, von Hotelmauern umgeben, hören diese Geräusche, wissen aber nicht genau, was passiert. Recht bald sind wir uns mit den Hotelmitarbeitern einig, dass es sicherer ist, wenn wir einen Tag abwarten, bis sich alles wieder beruhigt hat, bevor wir weiterfahren. Im Laufe des Vormittags donnert es dann das letzte Mal und zum Glück hört man danach nichts mehr. Was für ein komischer Tag, den man so unverhofft an einem Ort verbringen muss, obwohl man selbigen schleunigst verlassen möchte. Anton versteht zum Glück von alledem gar nichts, freut sich über das Pferd und die Schafe vorm Haus und beschäftigt sich
und uns ausdauernd. Zum Glück! Am nächsten Morgen heißt es, die Polizei sei eingekesselt und entführt worden und der Ort sozusagen „gesetzlos“. Als wir auf dem Weg zur Landstraße den Ort durchqueren bemerken wir zunächst gar nichts. Kurz vor dem Ortsausgang stehen dann drei Polizeiwagen auf der Seite und wir vermuten eine Kontrolle. Bei näherem Hinsehen ist da keine Menschenseele und die Autos komplett zerschossen. Jetzt bekommen die Phantasien langsam ein Gesicht. Auf der Zubringerstraße ist außer uns kein Mensch unterwegs und wir gestehen uns erst im Nachhinein ein, dass wir beide ordentlich Schiss hatten. Die große Landstraße ist zum Glück wieder lebendig und einzig die Gegenrichtung wird direkt vor der Zufahrt vom Militär kontrolliert. So fahren wir dieses Mal ohne irgendeine Unterbrechung bis nach Ciudad Valles durch – was einem schon fast komisch vorkommt. Auf Rosies Campingplatz treffen wir auf unerwartet viele deutschsprachige Reisende und genießen erstmal das Grün, die Ruhe und das Ankommen. Die ca. 65jährige Rosie winkt bei unseren Erzählungen nur ab, wir hätten ja nichts zu befürchten gehabt und als sie in Kanada und den USA gelebt habe, sei es zum Teil um einiges gefährlicher gewesen. Wir sind sicher, dass uns die Erlebnisse noch ein Weilchen beschäftigen werden, aber alle, die von Süden her kommen, beteuern uns, wie friedlich das Land und wie freundlich die Menschen überall seien. Wir sind ja bekanntlich optimistisch. Es ist ordentlich heiß – das haben wir ja so gewollt :). Es ist schon verrückt, wenn man mit der Erwartung, dass man nach dem Grenzübertritt nur noch auf Märkten oder in kleinen Läden einkauft – so kannten w
ir es ja auch – in einem dieser großen Supermärkte amerikanischen Vorbilds steht. Wir sind ehrlich und gestehen, dass uns das zur Eingewöhnung gar nicht so unrecht ist. Wir studieren in Ruhe, was das Angebot so hergibt und können uns gar nicht entscheiden, welche von den vielen Früchten wir zuerst probieren. Wir nehmen altbekanntes und neues mit „nach Hause“ und können uns nicht nehmen lassen ein Glas Nutella zu kaufen. Nicht einmal in Berlin kaufen wir so etwas, aber vielleicht ist das auch der Schokoladen-Sucht-still-Kompromiss – Nutella kann wenigstens nicht so schnell schmelzen:).
Eigentlich wollten wir auf diesem Platz eine Nacht verbringen und dann gleich weiterfahren. Da uns aber das Ausruhen und der Austausch mit den anderen so gut tut, schieben wir die Weiterfahrt noch etwas hinaus. Anton hat Spaß in seiner kleinen Badewanne und wir entdecken einen noch größeren Supermarkt und aklimatisieren uns weiterhin. Unsere netten Zeltnachbarn Daniela und Michael sind froh, dass ihr reiseirritierter Junghund Bora mit uns anbändelt. Die Hündin hat in den USA leider einige schlechte Erfahrungen mit anderen Hunden machen müssen und ist seitdem bei jedweder Annäherung in Habachtstellung. Wir beschließen spontan die gemeinsame Weiterfahrt am Ostersonntag nach Ciudad Valles, wo wir im ortsnahen „el banito“, einem Thermalbad, nächtigen. Fast im Dschungel, mit kreischenden Papageien, steht man dort auf der Parkplatzwiese, die nach Abfahrt der letzten Besucher komplett leer ist. Leider findet Bora auch hier nicht so richtig zur Ruhe.
Das ist für Dani und Micha sehr unentspannt und außerdem verdauen sie auch noch ihre tolle Reise im Vorjahr nach Nepal mit VW-LT-Bus und vermissen im
Zelt das Busreisen viel zu sehr. Die beiden beschließen doch einen Plan B und reisen in Richtung Norden weiter. Schade, denn wir hatten gerade Gefallen gefunden an der gemeinsamen Reise. Unsere Reise setzt sich langsam in den Süden fort und unsere nächste Station liegt abseits der bergig, kurvigen Hauptstraße in der Nähe des wunderschönen Wasserfalls „Cascada de Tamul“. Den tollen Anblick haben wir uns wirklich verdient, denn die letzten fünf Kilometer sind komplett sandige Stolpersteinpiste und während wir gehofft haben, dass uns bloß keiner entgegen kommt, hat Andreas geflucht und der arme Bus gewackelt und geklappert. Das war der ultimative Offroad-Test. Bestanden! Unten angekommen werden wir mit einem klaren Fluss belohnt. Bereits am Vortag war uns aufgefallen, wie viele Leute hier in Hose und T-Shirt baden. Unser halbnacktes Kleinkind hat dann die mexikanische Großfamilie nebenan zum Kichern gebracht. Auf eine kleine Wanderung, die im Aufstieg an einer Holzleiter gipfelt, folgt der berauschende Anblick in ein sattgrünes Tal, das von einem türkisfarbenen Wasserlauf durchzogen ist, der vom Tamul-Wasserfall in 105m Höhe gespeist wird. Anton hat schnell „all“ (Wasserfall) gelernt und zeigt mit großer Begeisterung darauf. Neben unserem Bus nächtigt eine lustige siebenköpfige Familie im Zelt und wir fühlen uns schnell mal wie die Presidentensuite.
Bevor die Fahrt weitergeht nehmen wir ein erfrischendes Bad im Fluss. Andreas nimmt den Rückweg der Piste mit Schwung und dann geht die Fahrt weiter durch das grüne Bergland zu Füßen der Sierra Madre. Hier in der Huasteca-Region versteckt sich noch so mancher Wasserfall, riesige Höhlen und Grotten und einige kleine Huasteken-Dörfchen. Wir bekommen einen kleinen Einblick und erreichen am frühen Abend Xilitla. Das kleine Örtchen liegt auf einem Berg (1051m), jede Straße von der Plaza aus geht abwärts, ringsherum Hügel und Berge in frischem Grün und mit Dschungelwald bedeckt. Der Engländer und Multimillionär Edward James hat hier eine skurile Idee verwirklicht und in den 70ern mitten im Wald Skulpturen, Treppen, Gebäude, kleine Tempel und ähnliches aus Beton aufbauen lassen. Als ein überraschender Kälteeinbruch seine umfangreiche Orchideensammlung und –züchtung zerstört hatte, wollte der Künstler etwas Unvergängliches wachsen lassen – mittlerweile hat der Urwald Besitz von diesen Bauwerken ergriffen und gibt dem Ganzen diesen besonderen Charme. Im Wald sind auch einige Wasserfälle, die integriert sind in die Bauwerke. Anton genießt bei der Hitze das Wasser und verschläft später die teilweise etwas waghalsigen Aufstiege – Geländer gibt es hier trotz unzähliger Treppen kaum. Im Örtchen ist reges Treiben an den Marktständen, wir spazieren durch die Gassen und sehen hier und da traditionell gekleidete Teenekfrauen und –männer. Wir haben einen schönen Schlafplatz unter blühenden Sträuchern einer Finca außerhalb des Ortes gefunden, die Zeltplätze auf der Wiese anbietet. Es gibt hausgemachte Enchiladas, bei deren Entstehung wir zusehen können und
die freundliche Teenek-Frau lässt eine ihrer Töchter gleich ein Handyphoto von Anton und sich machen, damit sie ihrer Mutter weit oben in einem Bergdorf den Beweis dieses Zusammentreffens zeigen kann. Nach einem schönen und ereignisreichenTag in Wald und Örtchen machen wir uns am nächsten Morgen auf, um wieder gen Küste zu fahren. Wir wollen sehen, wie weit wir kommen, denn wir haben jetzt schon mehrfach feststellen müssen, dass eine Kilometerangabe nichts bedeuten muss, wenn man die Steigungen und vor allem die Zustände der Straßen nicht kennt. Uns ist schleierhaft, wie die LKWs hier so rasen können und die geschwindigkeitsbrechenden Topes – Ihr kennt vielleicht aus Frankreichs Ortseingängen diese Bodenwellen – die noch nicht einmal immer angeschrieben sind, nerven schon ordentlich. Und doch, sowohl landschaftlich, als auch von den Ortschaften, fühlen wir uns immer wieder an Bolivien erinnert und genießen diese Mischung aus
Entdeckungsreise und Wiedererkennung. Hätten wir uns nicht verfahren und einen Umweg von mindestens 1,5h gemacht, hätte der Bus jetzt nicht diese tolle rostbraune Farbe von der regennassen Sandpiste und wir hätten nicht geahnt, dass es möglich sei eine fast senkrechte Straße herauf und auch wieder hinunter zu fahren. Ja, ein bisschen Abenteuer muss schon sein, sonst wär es ja stinklangweilig. So wurde aus der Geländetour noch eine kurze Nachtfahrt – das wollten wir nie machen aber irgendwie ergab sich kein geeigneter Platz zum übernachten ! – aber mit Sicherheitsabstand hinter den Trucks fährt man gut. Die sind zwar langsam, kennen aber jede Bodenwelle und jedes Schlagloch und von denen gibt es hier sehr viele. Am verrücktesten sind die aus dem Nichts auftauchenden Löcher auf Brücken, die mit einem Stein oder einem Fähnchen oder mal nur mit einer Cola Flasche markiert sind. Es gibt keinen Seitenstreifen und wir haben bisher zum Glück keinen Gegenverkehr in so einer Situation gehabt. Fast schon zur Schlafenszeit erreichen wir nach dem Einfädeln in Poza Ricas zähfließenden Verkehr das noble „Poza Rica Inn“. Hier darf man auf dem Parkplatz des sicher bewachten Hotels nächtigen, gute warme Duschen und vor allem den Pool benutzen. Wir machen den kompletten Tag Pause, auch wenn es sich irgendwie komisch anfühlt in dieser abgeschotteten Hotelwelt voller Anzugträger und Nobelautos wo die Nacht mal schnell ab 120 US$ kostet. Poza Rica ist eine Ölstadt, in der man sogar rechts und links der Hauptstraße die aktiven Pumpen („Bimbas“) sehen kann. Im Hotel herrscht auf einmal emsiges Treiben und gegen frühen Abend wird alles abgesichert und ein Auto nach dem anderen rollt auf das große Gelände. Es heißt, hier findet ein „quinze anos“ (15. Geburtstag) statt, den statten die Väter hier üblicherweise groß aus, weil er etwas besonderes ist. Dem Aufwand der Hotelmitarbeiter und den vielen Autos nach war aber mehr im Gange und später gesteht man uns, dass der Gouverneur von Veracruz kommt. Was für ein Treiben hier herrscht und inmitten der wichtigen Leute steht unser großer Blauer
und wir kochen draußen auf dem Campingtisch – sicher ein witziges Bild. Anton reklamiert schon seit Tagen das „mea“ und so setzen wir unsere Reise fort. Die Costa Esmeralda ist heute unser Ziel, der schönste Part der mexikanischen Golfküste. Unterwegs wollen wir aber noch Station an den Ruinen von „El Tajin“ machen. Die eindrucksvollen über 1000 jährigen Überreste der klassischen Veracruz-Zivilisation stehen inmitten von grünen Hügeln. Zu El Tajins Besonderheiten zählen Reihen von rechteckigen Nischen an den Seiten der Gebäude, viele Ballspielplätze und Skulpturen, die Menschenopfer im Zusammenhang mit dem Ballspiel darstellen. Zur Begrüßung werden wir gleich Zeugen einer Voladores-Vorführung. Dieses hier gebürtige Ritual der Totonaken wurde traditionell einmal im Jahr im Sinne eines Fruchtbarkeitsrituals vollzogen, wobei die tollkühnen Flieger die vier Ecken des Universums beschwören, die Sonne und Regen bringen. Fünf Männer klettern in traditioneller Kleidung auf einen ca. 20m hohen Pfahl. Vier von ihnen setzen sich auf den Rand eines kleinen Rahmens an der Spitze und drehen ihn dann: die Seile wickeln sich um den Pfahl. Der fünfte Mann tanzt auf der Plattform über ihnen und spielt auf der chirimía, einer kleinen Trommel mit angehängter Flöte. Wenn er zu spielen aufhört, lassen sich die anderen nach hinten fallen. Mit ausgestreckten Armen kreisen sie anmutig um den Pfahl und gleiten kopfüber zu Boden, während sich ihre Seile loswickeln. Sicher habt Ihr Euch bereits gedacht, dass hier keine irgendwelche Klettergurte oder
ähnliches verwendet. Sehr eindrucksvoll! Am Ende unseres ausgedehnten Ruinenspaziergangs erstehen wir günstige große, stark duftende Vanilleschoten, die hier im Umland von Papantla angebaut werden. Hinter einer Art Absperrung zum Parkgelände, stehen mindestens 20 Frauen, die laut rufend Apfelsinen, Gurken und Vanille anbieten. Eine versucht lauter und verlockender zu klingen, als die andere. Wonach soll man da entscheiden, wenn doch alle das Gleiche anbieten?! Auf dem kurzen Gang durch die Souvenirstände vor der Stätte kommen einem die verschiedenen Restaurantanbieter in gleicher Manier entgegen. Im Prinzip bieten alle das Gleiche, reden gleichzeitig auf uns ein und jeder hofft, wir würden uns für ihn entscheiden. Dabei wollten wir gar nichts essen :). Jetzt aber nichts wie an die Küste, wo wir in der „Posada del Zorro“ ein schönes Plätzchen finden. Hier stehen wir unter Palmen, das Meer rauscht keine 50m entfernt und Anton hat schon ein Kiste Sand hier im Schatten. Jetzt heißt es, Ruhe genießen, Tagebuch schreiben, endlich ein paar Postkarten beschriften, den Moskitovorhang weiter austüfteln, spielen, spielen und vor allem: kein Auto fahren. Hier treffen wir auch wieder auf ein paar alte Bekannte, Walter und Irene die wir bereits auf zwei weiteren Plätzen getroffen haben. Andreas wird auf der Suche nach ein paar Tacos gleich bei einer Familie zum Essen eingeladen. Als sich herausstellt, dass er Koch ist, erzählt die Oma wiederholt mit Stolz, dass sie die „mole“ (Soße) gemacht hätte. Wir werden nocheinmal bei ihnen essen gehen, Andreas ist so nachhaltig begeistert von dieser netten Begegnung .
Unser Weg soll uns weiter gen Vercruz führen und in die Tuxtla-Berge. Ihr hört dann bald wieder von uns. Hasta la vista!
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