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Bolivien II

Alle Fotos aus Bolivien
Bolivien II 22.05.2005 - 31.05.2004
(Potosi, Minen Cerro Rico, Sucre, Tarabuco)

Wir haben uns also auf den Weg nach Potosí gemacht, der höchsten Stadt in dieser Grösse. Ca. 4h Fahrt auf teilweise bester Buckelpiste. Als erstes müssen wir durch einen Armeeposten, wo in ein Papierheft unsere Daten eingetragen werden und um eine „colaboracion“ gebeten wird. Statt sie offiziell Maut verlangen, muss (!) man hier Spenden abgegeben. Im Bergdorf Ticatica liegen Materialien an der Seite, die entweder mal einer Barrikade gedient haben, oder schon mal vorbereitet daliegen. Ein alter Mann kommt gleich angeflitzt und fragt nach „pesitos“, wir geben ihm lieber Bleistifte und Spielzeuge aus unserer Sammlung fuer die Kinder. Man spürt die knapp 1100m Höhenunterschied beim Fahren schon. Spätestens, als die Sonne wieder weg ist, wir unseren Mitfahrer abgesetzt haben und in einem Minenort einen Stellplatz zum Schlafen suchen, wird nur noch im geschlossenen Bus gekocht und Tee getrunken, draussen ist es zu kalt. Am nächsten Morgen sind ueberall Eisblumen an den Wänden und Scheiben. Im Lebensmittelladen nebenan kaufen wir Cocablaetter für unsern ersten Cocatee. Dann lieber schnell auf die Piste in die Sonne und die letzten Kilometer gefahren. Wieder nehmen wir einen alten Mann mit, der völlig verwundert darueber ist, dass er hinterher nix bezahlen soll. An der letzten Mautstelle vor Potosi zahlen wir anscheinend den Preis für Moped, Fahrrad und Auto zusammen. Dann dauert es nicht mehr lange und man sieht sie schon, die Stadt, wie sie den Beg hinaufkriecht. Und dann sind wir auf Teerstrasse! Was für ein Gefühl! Als wir das Zentrum erreichen, werden wir gleich Zeugen eines riesigen Umzugs, anlässlich der Streiks und Blockaden, die es im Land immer wieder, wegen der privaten ausländischen Benzingesellschaften gibt. Das Volk, und besonders die Bauern, möchten, dass der Praesident alles verstaatlicht – das Geld reicht nur nicht. Daraufhin wollen sie lieber gleich einen neuen Präsidenten. Richtig beneidenswert ist dieser Job hier nicht, wenn das eigene Volk immer wieder dazu fähig ist, alles in kürzester Zeit stillzulegen und den Präsidentenpalast zu stürmen... Es soll einen 72h Marsch geben, während in La Paz schon eher Stimmung wie beim Kreuzberger 1.Mai ist. Wir haben öfter über die zwie Steine schmunzeln müssen, die innerhalb der Stadt eine Kreuzung lahmlegen. Eigentlich könnte man einfach drüberfahren, nur bekäme man sicher ordentlich Ärger mit den drumherumstehenden, strickenden und Zeitung lesenden „Besetzern“. Nach ca. 60h beginnt Himmelfahrt, was auch hier Feiertag ist. Wenn Feiertag ist, kann man sicher sein, dass alle Strassen frei sind. Denn an den Feiertagen wird ja schliesslich gefeiert :) und das 4 Tage lang. Auch in Potosi ist es nur warm, wenn tagsüber die Sonne scheint, abends muss man sich Pullis und die Jacke überziehen oder einen warmen Platz finden. Auch hier sind die Menschen hauptsächlich traditionell gekleidet, besonders in der Gegend um den Markt herum. Im Zentrum, wo des öfteren was von Anwalt u.ä. dransteht, kommen einem öfter chic gekleidetere Leute entgegen. Wenn dann mittags alle aus den Schulen stürmen, ist die Stadt mit jungen Jeansträgern und gepiercten überrannt, die Handyläden durchstöbern, wild im Internetcafé Computer spielen etc. Sicher geibt es eine Art Schulkleidung, besonders die Kleineren haben oft so eine Art Kittel an, aber was jeder drunter hat, sieht schon anders aus. Ist vielleicht auch eine Art bewusste Distanzierung von den älteren mit Hut, Stofftragetuch und Traditionen. Ein 15jähriger hat uns z.B. erzählt, dass er Quetchua, die alte Indiosprache, die hier viele noch sprechen, erst später von seiner Oma gelernt hat.

Wir wissen nicht, ob es die Höhe, oder die steilen Strassen sind, aber wir sind ständig ausser Atem und müde. Ist wohl beides. Die Begegnungen sind meistens sehr offen, wir erleben aber auch Situationen, wo man uns nichts verkaufen und wahrscheinlich nicht mal mit uns sprechen will. Jeder wird hier Gringo genannt, der fremd ist, und da wir sicher für die Leute auch alle gleich aussehen, könnten wir verhasste Amis sein. Wir erleben aber auch das genaue Gegenteil, die Leute sind offen, interessiert und immer wieder gibt es kleine unvergessliche Momente. Nach 2 ½ Tagen Stadterkunden im Urlaubstempo, buchen wir dann die Tour in die Minen der Stadt. Seit 15??, wird hier Silber abgebaut, was die Stadt mal zur reichsten Stadt der Welt gemacht hat. Hier wurden Silbermünzen für die Spanier hergestellt, welche heute die billigen Münzen für die Bolivianer produzieren. Das und viele Geschichten mehr haben wir zuvor in der „casa de la moneda“ gelernt, wo noch alte Walzmaschinen und allerlei Schätze zu sehen sind. Die Legende sagt – und dazu gibt es ein wunderschönes Mariengemälde – dass ein Indio, der sich am Berg des „cerro rico“ versteckte, beim Feuer  machen zufällig Silber zum Schmelzen brachte. Der Anfang einer langen Geschichte der Silbersuche im „reichen Berg“. Viele Indios und auch afrikanische Sklaven haben die Arbeit, wegen der schlechten Konditionen und vor allem auch der Hoehe nicht lange überlebt. Das verrückte ist – und das sieht man auf der Tour – dass die Minenarbeiter noch heute mit den Methoden von damals arbeiten. Extrem schwerer Eisenhammer und Brechstange, dazu ab und zu Dynamit und gerade  mal Platz, um gebückt, oder in Hocke zu arbeiten. Durch das Dunkel des Berges führt uns Sol, deren Vater lange Zeit in den Minen war und deren Bruder es noch ist. Um zu wissen, was es bedeutet hier zu arbeiten, hat auch sie 6 Monate ein Minerleben geführt( normalerweise arbeiten die Frauen nur draussen beim Materialsortieren). Zu unserm Glück, denn dadurch weiss sie, in welchen kleinen Gang wir kriechen müssen, um Arbeiter zu treffen, mit denen wir persönlich ins Gespräch kommen. Hier trägt keiner eine Atemschutzmaske (wie wir), jeder Hammerschlag wird von einem Ächzen begleitet, die Männer arbeiten z.T. 12h am Tag. Und trotzdem ist es der beste Job, den man hier in Potosi haben kann und für viele ist es familiäre Tradition. Als Gegenzug fuer die Begegnung haben wir vorher in den Minerläden allerlei Geschenke gekauft: Getränke, Coca mit Aschesteinen als Katalysator, spezielle Zigaretten, 96%igen Alkohol und eine „Explosionstüte“ (enthält Dynamit, Zündkabel und alles was man dafür braucht). Die Luft ist knapp hier im Berg, Arsen beisst in die Kehle und das Kriechen durch die engen Gänge fordert ganz schön. Am Ende sind wir vom Tageslicht geblendet und für den Rest des Tages erledigt. Das ist die harteste Arbeit, die wir jeh gesehen haben. Mit uns auf der Tour waren 2 holländische Physiotherapeutinnen, die ihr Praktikum in Sucre machen und von Freiwilligenjobs erzählen. Vielleicht finden wir ja in Sucre etwas, wo wir für einige Zeit bleiben können.

Weil die Streiker Himmelfahrt feiern, kommen wir ohne Schwierigkeiten auf einer Teerstrasse (!) nach Sucre, der Hauptstadt Boliviens. Diesmal merkt man schon, dass an manchen Stellen die Steine gerade erst weggeräumt wurden, aber alles ist friedlich. Wieder nehmen wir einen Mann mit, der uns jeden Ortsnamen nennt, fast ein bisschen wie den Fremdenführer spielt, uns zu sich einlädt und bis zum Ende nicht verstehen will, dass wir nicht hier leben und Sucre gar nicht kennen. Auch er wünscht uns Gottes grössten Segen, als er nix bezahlen muss. Anscheinend gibts hier trampen nur gegen Geld. Im Dunkeln suchen wir lange, nach der für uns passenden Unterkunft und finden später eine, wo wir in einem relativ kleinen Haus, Küche, Bad und Wohnzimmer mit jemandem teilen, wenn Leute da sind. So lernen wir Amit aus Israel kennen, mit dem wir so manchen Abend und Ausflug verbringen werden. Sucre hat kulturell ziemlich viel zu bieten, allein schon weil es einige internationale Institute gibt. Im Kultur Café Berlin frühstücken wir 3h lang und lesen ausführlich seit langem deutsche Zeitungen. Die Stadt hat mit ihren weissen Kolonialhäusern ein ausgesprochen spanisches Flair, ganz zu Schweigen vom Mikroklima (Wärme!!!). Hier sehen die Menschen schon viel weniger traditionell aus, ausser auf dem Markt und wie immer die älteren. Wir haben wieder einige schöne Begegnungen: mit kleinen Schuhputzern, einer Marktfrau, mit der wir Rezepte austauschen, musizierenden Jungs am Aussichtspunkt (Café Mirador) der Stadt etc. Manchmal sind sie nur kurz, aber jede Situation ist besonders und unvergesslich und man kann in solchen Momenten schon so viel lernen. Wir sind gemeinsam mit Amit auf den sonntäglichen bunten Markt ins 60km entfernte Tarabuco gefahren. Es ist Anziehungspunkt vieler Touristen,aber eine Besuch auf jedenfall wert. Hier tragen alle(!) traditionelle Kleidung und so mancher ausschliesslich Quetchua sprechende erhofft sich, dass man ein Photo von ihm macht – für Geld selbstverständlich. Eigentlich wollten wir nix gross kaufen, gehen aber am Ende jeder mit etwas nach Hause. Am verrücktesten ist der Lebensmittelmarkt im Zentrum des Ortes. Vor 12 herrscht hier wildes Treiben, überall bunte Farben, Gemüse, Früchte, Gewürze...beim erneuten Besuch am Nachmittag, wird langsam alles wieder eingepackt. Das Fleisch kommt auf einen Handwagen und wird sicher morgen einfach wieder hergefahren. Bei einem letzten Photo von all dem Bunt kommen plötzlich Orangenschalen geflogen. Eine Frau, die nicht mal auf dem Bild sein sollte, wehrt sich tatkräftig gegen Bilder. Dabei sind wir schon vorsichtig und fragen so manches Mal – auch wenn wir wissen, dass es meistens „nein“ heisst. Es ist nicht immer einfach, dass Mass zwischen Respekt und Neugier zu halten. Heute waren wir wieder auf dem Markt essen und haben uns gefragt, warum so wenig Touris dort zu treffen sind. Es schmeckt gut, man steckt mitten im Leben und macht sogar noch Bekanntschaften. Es ist einfach total schön, wenn man nach so kurzer Zeit auf dem Markt schon begrüsst wird. Jetzt machen wir uns auf die Suche nach evtl. Arbeitsmöglichkeiten. In der Sprachschule wollte man uns ohne Geld bzw. Kurs nix sagen, im amerkanisch-bolivianischen Institut, hat sich die Direktorin ueber diese Art von Zurückhaltung der Informationen aufgeregt – sie fühle sich verpflichtet uns weiterzuvermitteln. Mal sehen was es im deutschen Institiut noch gibt, bevor wir uns die Einrichtungen ansehen und uns dort vorstellen.

Hasta luego...


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