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Bolivien III


Alle Fotos aus Bolivien
Bolivien III  01.06.2005 - 14.06.2004
(Sucre, Tarabuco, Candelaria, Aiquile, Inkallajta, Cochabamba)

So sind wir letztenendes genau zwei Wochen in Sucre geblieben, der "weissen Stadt". Die erste Zeit waren wir wirklich ordentlich faul: haben ausgeschlafen (war aber auch offensichtlich dran), mal im Café bei einer deutschen Zeitung, mal in unserm zu Hause gefrühstückt, waren spazieren, am Aussichtspunkt beim "Café Mirador", haben im Markt Mittag gegessen, auf der Plaza gesessen und den Schuhputzern ein Eis spendiert um dann von sechs Kids umringt ewig lang zu erzählen, lecksersten frischen Obstsaft getrunken, Schuhe nach ewig fragen doch auch mal putzen lassen, auf dem Markt eingekauft ("was darfs sein, papito" hat unsere Gemüsefrau immer gesagt :) )und am Abend lecker gekocht - meistens mit Amit gemeinsam. Zwischendurch müssen wir noch die Etage wechseln, weil das komplette Haus gestrichen wird. Das pfeinende Geräusch der Wachmänner draussen  - soll heissen: alles klar Leute, wir sind noch da - fällt uns am Ende gar nicht mehr auf. Anfangs hatten wir gerätselt, was es wohl für ein Tier sein könnte. Das quasi WG-Leben ist echt nett und immer fühlt es sich an, wie nach Hause kommen. Wir machen einen gemeinsamen Ausflug zum nahagelegenen Zementwerk, wo vor ein paar Jahren schweizer Wissanschaftler diverse Dinosaurierspuren in den Wänden des aufgeschnittenen Bergs entdeckt haben. Weil sich weiche und harte Gesteinsschichten immer abwechseln, kommt es ständig zu Abtragungen durch Wind und Wetter. Das macht aber diese Stätte, Cal Orcko genannt, aber gerade interessant. Denn so verschwinden zwar manche der riesigen Spuren, es tauchen aber immer wieder neue auf. Am witzigsten ist, dass wir während der Führung jeder einen Gummidino herumtragen, um später die Spuren zu identifizieren.  Unsere Suche nach Freiwilligenjobs ist sogar etwas erfolgreich. Wir stellen uns im psycho-edukativen Institut von Sucre vor, dass eine Pediatrie, Kinderpsychiatrie, eine Schule, eine Internat, veschiedene Werkstätten und eine spezielle Wohneinheit drogenabhängiger Bauernkinder beinhaltet. Das Gelände ist riesig und ein Grossteil der Mitarbeiter sind Freiwillige aus aller Herren Länder. Es gibt z.B. meistens kanadische Ergotherapeuten, die für eine Weile hier arbeiten und bestimmte Dinge erweitern oder überhaupt erst einführen. Wir müssen uns allerdings einige Tage gedulden, bis uns die Verantwortliche überhaupt herumführt und mögliche Arbeitsbereiche zeigt. Mittlerweile haben wir uns eigentlich schon für ein Tierhilfsprojekt in der Nähe von Cochabamba entschieden, aber die politische Situation hält uns vorerst in Sucre fest. Wir werden im Institut herumgeführt, allerdings ohne klare eventuelle Aufgabenstellung - denn die sucht man sich hier selbst, wie ich es später auch erlebe. Bany ist nicht wirklich vom Gedanken angetan, hier die nächsten Tage zu Spielen o.ä. und entschiedet sich für die grossartige Idee, Quechua zu lernen. Am Sonntag, als alle Strassen zwischendurch mal frei sind - ist ja Wochenende und auch ein Campesino muss mal ruhen - machen wir uns erneut auf den Weg nach Tarabuco auf den schönen Markt. Diesmal wissen wir schon, dass wir was kaufen wollen. Wir waren auch zuvor im ethnologischen (Textil-)Museum in Sucre, wo man einiges über Kultur und auch die ewige Arbeit der Weber lernt. Mit all diesem im Kopf durchstöbern wir noch einmal alle Marktstände und schlagen zu. Da ist das Taschengeld bald aufgebraucht bei all den schönen Sachen. Armer Bruder Mathias, der aus Peru schon einen Teil der schweren Schönheiten mit nach Hause nehmen soll! ;) Von Tarabuco aus wurde uns das Dörfchen Villa Candelaria empfohlen, auf dessen staubigen Weg wir uns machen. Schon der dritte Mitfahrer ist an Bord, nachdem mir eine alte Frau schon einen Handkuss fürs kostenlose Mitfahren gegeben hatte. Lustig, wie in Sekundenschnelle das halbe Auto nach gekauten Cocablättern riecht - ein sehr typischer Geruch. So fahren wir durch wunderschöne Berglandschaften, vorbei an mit Fahrradschläuchen spielenden Kindern, Schafen, Feldarbeitern, die bei Erkennen des Photoapparates hinter den nächstbesten Heuhaufen springen, winkenden Kindern, staubenden LKWs (die hier das gängige Transportfahrzeug sind und man des öfteren alte Menschen über die Brüstung absteigen/ wanken sieht)...bis wir Candelaria erreichen. Schon unterwegs scheinen wir die ersten Gringos gewesen zu sein, die hier entlang fahren, aber hier im Ort hängen auf einmal 30 Kinder am Bus. Der Ort an sich ist gar nicht wirklich attraktiv und so machen wir uns langsam wieder auf den Rückweg. Unterwegs will uns ein Weber noch ein gutes Stück für einen echt günstigen Preis mitgeben, nur haben wir unser Geld bereits in Tarabuco gelassen. Schade, denn er war einfach auch total nett. Wieder ein Mitfahrer und bis nach Sucre rein nochmal zwei. Zu Hause bestaunen wir nochmal alle Reichtümer und schmücken unser Zimmer damit ein wenig. Am Montag gehen wir einmal umsonst zum Institut, heute ist Tag des;Lehrers, da haben sowohl Lehrer, als auch Schüler frei. Es gibt so einen Tag hier auch für Sekretärinnen und andere, lustig, wa?! Jedenfalls ist es dann am Dienstag soweit, wir sehen das Institut, Bany entscheidet sich für Quechua und ich für die nächsten Tage Institut, bis wir ohne Blockaden in Richtung Cochabamba fahren können. Währenddessen verschärft sich die politische Situation, alle Strassen sind blockiert, die Campesinos und Minenarbeiter aufgebracht. Präsident Carlos Mesa meldet seinen Rücktritt an und es werden Neuwahlen für Donnerstag angesetzt. Während man hier in Sucre meist nicht viel spürt und sieht, ausser wenn man Zeitung liest, ist in La Paz ganz schön was los. Bis Ende der Woche haben Teile der Stadt kein Wasser und Benzin mehr und auch die Lebensmittel werden knapp. In Sucre ist normaler Alltag - nur liest jeder gespannt Zeitung oder hört Radio. Bany ist nach seinen ersten 3 h Quechua deutlich angestrengt, erzählt den ganzen Abend irgendwas vor sich hin, was keiner versteht und beschwert sich über das Eiltempo, in dem seine Lehrerin den Stoff durchzieht. Seinen zweiten Schultag verbringt er zu Hause, wo die Lehrerin extra vorbeikommt, weil es heisst, besonders für Gringos wäre der heutige Wahl- und Demonstrationstag sicherer hinter vier Wänden. Sie weiss allerdings nicht, dass Bany mit Amit am Morgen nicht nur dabei, sondern mitten in der Demonstration war, mit den Leuten gesprochen hat und sogar Bilder machen durfte. So richtig gefährlich sind die Leute ja auch nicht. Ab und zu knallt es mal irgendwo, oder Rauch steigt auf - aber so ist das hier, wenn man demonstriert und zeigen will, dass man nicht einverstanden ist. Ich verlebe einen ersten sehr anstrengenden Tag im Institut, wo man wirklich am besten selbst eine Aufgabe findet. Ich lasse mich von Marie, der Ergotherapeutin aus Belgien, einweisen und versuche erstmal in Kontakt mit den Kids der Pädiatrie, wo ich vormittags bin, aufzunehmen. Dass ist allerdings nicht schwer, den mir-nix-dir-nix haste drei Kinder um dich herum, die hüpfen, rutschen, schaukeln und allerlei Quatsch machen wollen. Die Kinder in der Pädiatrie sind meist körperbehindert, es gibt aber auch einige mit geistiger Behinderung. Viele werden aufgenommen wegen enormer Unterernährung, was hier im Land leider sehr häufig vorkommt. Allerdings kann man immerwieder staunen, wie sich die Kinder doch wieder aufrappeln und ein "normales" Leben führen können. Zwischen 11 und 12Uhr ist Essen angesagt, d.h. unterstützen, wer nicht selbständig essen kann. Gerade sind wegen der Blockaden weniger Kinder da, deshalb hat man in solchen Momenten nicht immer etwas zu tun. Andererseits kann man ohne schlechtes Gewissen, die gesamte Zeit mit einem Kind nutzen und ihm die Zeit geben, die es sonst vielleicht auch bräuchte, aber nicht hat. Dann sind 2 h Mittagspause, die ich netterweise bei den Freiwilligen in der Küche verbringen durfte. Ist schon witzig, wenn man mal wieder in so einer Runde buntgewürfelter Leute sitzt und dabei quasi ein "alter Hase" unter den Freiwilligen ist :) Nachmittags gehen wir in die Kinderpsychiatrie und ich bin vorerst geschockt. Vor mir das Bild einer "Klapper", wie sich Lieschen Müller diese vorstellen würde. Im sonnigen, aber staubigen Innenhof, laufen, liegen (einer sogar angebunden) Kinder zwischen 8 und 11Jahren, die sich scheinbar gegenseitig verrückter machen, als sie schon sind. Zum Glück gibt es einen Materialraum, in den man sich immermal zurückziehen und einem Kind die Möglichkeit geben kann, Material- und Körpererfahrung zu sammeln. Die immer wieder wütend und schreiende (z.T. mit auf dem Boden wälzen) T. schafft es fast 10min lang mit mir ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren und mal etwas anderes zu spüren, was ihr selten gelingt. F. erstaunt mich mit ihrem unerschöpflichen Repertoir an ausländischen (!) Kinderliedern - von "Hoppe, hoppe Reiter" bis "Hänschen klein" - was man tapfer bis zum umfallen wiederholen muss, mal gesungen, mal mit Instrumenten. Sie singt alles mit! Beim Vesper lerne ich eine der unmotiviertesten Mitarbeiterinnen des Hauses kennen und frage mich, was sie hier überhaupt arbeitet, sie gibt mehr Kommandos, als sich um die kranken Kinder zu kümmern und nimmt jede Eigenart (krankheitsbedingt) der kleinen Patienten persönlich. Bei solchen Menschen muss man echt aufpassen, dass man nicht alles hinwirft... Nach diesem ersten Tag muss ich auf dem Heimweg erstmal Schokolade kaufen und gehe extrem früh schlafen. Am zweitern Tag fehlt aufgrund der Demos eine Menge Personal und nach dem Vormittag ist die Arbeit vorbei. Doof nur, dass die Kinder ja nicht zur Demo gehen oder zu Hause bleiben...aber ohne Schlüssel und ohne Material im Hof herumlaufen..Danke! Auf dem Heimweg nehme ich auch wieder kein Taxi, denn die Stadt ist recht ruhig. Ich gerate mitten in einen grossen Demozug, was mich etwas verunsichert, aber komme sicher und heile zu Hause an. Da sitzt schon die "WG" (wohnen doch grad zu 4t im Haus) auf der Dachterrasse und hat den besten Überblick über das Geschehen nahe der gesperrten Plaza, wo die Wahlen und Entscheidungen laufen. Immer wieder geben sich Polizei und Volk ein Gefecht. Die Minenarbeiter lassen immermal Dynamit laut knallen, die Polizei reagiert mit Tranengasgranaten, um die Leute von der Sperrzone abzuhalten. Hier und dort brennen Autoreifen und am schwarzen Rauch erkennen auch die umliegenden Gruppen, dass sie nicht alleine "kämpfen". Als ein Kameremann auftaucht, bemühen sich 15 Leute so laut zu schreien wie 100te und wahrscheinlich kommt es nur auf die Perspektive an, dass es auch so aussieht. In der Stadt laufen den ganzen Tag schon alle mit einem kleinen Radio am Ohr herum. Klar, dass jetzt an jeder Ecke welche verkauft werden :) Als scheinbar die Entscheidungen gefallen sind und die Pressekonferenz tagt, ist gegen 20:30h auf einmal alles wieder ruhig. Das wars. Fast langweilig, meint Bany ;) Lustiger ist, dass am nächsten Morgen das normale Leben wieder losgeht. Überall wird der schwarze Staub weggeputzt, der Markt ist wieder auf, alle Strassen frei und der Vekehr stinkt wieder. Es ist so, dass vorerst ein Präsident (Rodriguez) gewählt worden ist, der zwar nicht erste Sahne, aber immer noch besser als der verhasste Vaca Diez ist. Vor allem aber steht jetzt die von allen erbetene Verstaatlichung der Rohöle (Benzin und Co) auf dem Plan. Bolivien steht zwar an 5. Stelle bezüglich seiner Gasvorkommen, importiert aber aus umliegenden Ländern. So habe ich noch einen (für mich und ein paar Kinder) erfolgreichen Tag und werde bedauernd verabschiedet. Bany hat seinen letzten Quetchua-tag und hat jetzt innerhalb von 11h gelernt, was andere in einer Woche schaffen. Jetzt müssen wir nur ein Übungsopfer finden, aber die gibt es ja auf dem Lande genug. Er kann jetzt einiges sagen, doof nur, dass vielleicht die Antwort zu schwer sein wird. Mal sehen...Letzter Saft auf dem Markt, Einkauf für die Reise und langsam packen. Genau nach zwei Wochen treten wir die Weiterfahrt an. Unterwegs eine kleine Pause beim Wochenendcamping der Freiwilligen und dann auf in Richtung Cochabamba. Erste Zwischenübernachtung in Aiquile an der Tanke, wo eine ganze Familie (incl. Oma) der Geschichte glaubt, wir hätten einen Tiger an Bord - die Eltern bald mehr als die Kinder. Auf dem dortigen Markt haben wir die erste lustige Erfahrung mit nur Quetchuasprechenden Händlern. Vor der Abfahrt bringen wir Jessica, der ca. 12jährigen "Tankstellentochter" die Zahlen bis 10 auf deutsch bei und die Kids machen lustigste Photos mit Banys Kamera - "kann ja jeder". Jessica hat übrigends festgestellt, dass meine Augen- und Haarfarbe recht gewöhnlich seien, Bany hätte aber komischerweise "Barbie-Haare" :) Weiter über Totora und Epizana, wo wir entgegen der Ankündigung wieder was zahlen sollen, bis nach Incallajta. Incallajta, pueblo del Inca (Inkadorf) soll nach dem Machupichu in Peru eines der grössten ehemals überdachten Gebäude haben. Verrückt, wenn man überlegt, auf wie alten Mauern man herumläuft. Wir erforschen ordentlich das Gelände und sind froh, nach all der Stadt mal wieder mitten im Nirgendwo zu sein, Feuer zu machen, ... und endlich die Solardusche einzuweihen. Von hier aus gehts mit einer Zwischenübernachtung nach Cochabamba, einer Stadt, die sich in einem Talkessel ausgebreitet hat und eher Stadt und noch stinkiger ist, als Sucre. Wir müssen als erstes zum Zahnarzt (und das in Bolivien!), weil Bany ein Viertelzahn abgebrochen ist. Richtig chic ist es da und innerhalb von 2 Sitzungen, in denen die Betäubungsspritze mehr geschmerzt hat, als der Rest, ist zum Schnäppchenpreis von 10Euronen alles fertig. Ansonsten versuchen wir Stadtflair aufzunehmen, essen richtig lecker auf dem Markt und steigen auf den Hügel zum Christo hinauf. D.h.wir fahren lieber mit der Gondel,denn nach soviel Herumlaufen sind über 1300 Stufen nicht mehr nur sportlich. Angeblich ist die Figur die grösste der Welt, lustig, dass Rio aber eher bekannt dafür ist, als Cochabamba. Nachdem wir schon im aussergewöhnlich hyperchicen Shopping der Stadt waren - den wir in Bolivien nie erwartet hätten - geben wir uns auch noch ganz modern, aber für nur 1,50E den neusten Star Wars-Film. Kommentare...ein andermal...Heute gehen wir noch auf einen der angeblich besten Märkte Boliviens "la cancha", machen das Auto wieder fit und fahren dann morgen nach Villa Tunari, in Richtung Tropen. Dort wollen wir für ca. 14Tage in einem Naturpark wilde Tiere bekümmern. Es ist nicht sicher, ob bis jetzt Internet dort angekommen ist. Könnte also sein, dass wir für die Zeit out of order sind...
hasta luego, amigos y muchos besitos


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