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Bolivien IV


Alle Fotos aus Bolivien
Bolivien IV 15.06.2005 - 02.07.2005
(Villa Tunari, Parque Macchia, La Paz)

Der "la cancha" Markt ist riesig gross und wir verlaufen uns bald. Ist quasi eine boliviansiche Shopping-mall nur auf einer Ebene und man kann wirklich alles kaufen. Von Töpfen, über Obst, Souvenire und allerlei glücksbringende Lamaföten und Co. Nachdem wir am 16.Juni das Auto startklar gemacht haben und sogar Ersatzteile gefunden haben, die wir hier nicht vermutet hätten, machen wir uns also auf den Weg nach Villa Tunari. Nach 42km macht aber unser Auto ein ungewohnt komisches Geräusch und nach hin und her probieren, fragen wir lieber bei einem Mechaniker im Dorf nach. Der macht keinerlei Anstalten uns irgendwie helfen zu wollen und grinst nur doof...als fahren wir am Ende lieber wieder die paar km zu unserm netten VW-Mechaniker nach Cochabamba zurück, während wir den unfreundlichen Dorfmechaniker verfluchen. Also Berg wieder hoch und auf der andern Seite wieder herunter und zum Glück hat die Werkstatt noch offen. Am Ende heisst es, die Lager würden dieses Geräusch verursachen, wir sollen uns keine Sorgen machen und das wäre alles halb so schlimm. So haben wir zwar bei unserem potentiellen Zeitmangel einen Nachmittag verloren, sind aber sicher, dass alles in Ordnung ist. So stehen wir wieder vor der Frage, wo sollen wir essen gehen :-) ihr glaubt gar nicht, was wir uns in dieser Stadt die Füsse deswegen wundgelaufen haben. Unser Neustart klappt und wir machen uns auf, über die Berge in immer grünere und nebligere Wälder. Verrückt, wie schnell sich in Bolivien die Landschaft ändert. Eben war noch alles extrem trocken, jetzt leuchtet das Grün und die Wälder sehen wieder so tropisch aus, wie wie sie einst aus Brasilien kannten. In nicht einmal 3h erreichen wir Villa Tunari. Als erstes lernen wir Pascual, einen der beiden bolivianischen Tierärzte kennen, der uns ein bisschen was erklärt. Im Café nebenan sitzen schon einige der Freiwilligen in ihren Arbeitsklamotten und haben offensichtlich Mittagspause. Da der allgemeine Rundgang für die Neuankömmlinge erst um 17uhr ist (da ist der letzte Bus durchgefahren), haben wir noch Zeit in Ruhe ein bisschen den Park auf eigene Faust kennenzulernen. Wir besuchen den Affenpark, die Papageien und klettern auf den Aussichtspunkt hinauf. Wettertechnisch sind wir nicht gerade herzlichst begrüsst worden, aber es heisst in den nächsten Tagen wird sich alles ändern und wenn die Sonne scheint, ist es eh viel zu heiss. Die Einweisung und die Zuteilung der Arbeitsbereiche (mittlerweile sind wir 7 Leute geworden) dauert ganz schön, aber dafür bekommen wir gleich den Affenjob. Dieser ist zeitmässig der längste, für uns aber zumindest bisher der spannendste. Am ersten Abend gehen wir noch nicht so früh ins Bett, was sich in den nächsten Tagen schlagartig ändern soll :) Unser Arbeitstag beginnt um 7:30h, wo Bananen und Haferkleie abgefüllt und in den Park hochgebracht werden. Die Eimer sind ziemlich schwer, man läuft tolpatschig in Gummistiefeln und nebenbei kommen immerwieder Affen aus dem Dickicht und versuchen sich aus den Eimern was herauszufischen. Sieht schon witzig aus, wenn sie eine Banane im Mund und in jeder Hand eine halten und nur noch auf den Hinterbeinen davonflitzen können. Die Bananen stellt man im Park ab und alle bedienen sich dann, während die Haferkleie in einer Kiste mit schweren Steinen bedeckt versteckt wird. Dann werden die 9 Kapuziner- und 2 Klammeraffen, die unter besonderer Aufsicht stehen aus ihren Käfigen geholt. Die Babys (Beni, Blanquita, Panchita, Mass, Jerry und Papichoulo) haben es über Nacht geschafft, ihre Leinen aufs feinste miteinander zu verknoten, so dass man zunächst ein Knäuel nach oben trägt und sie, während sie mit den Bananen beschäftigt sind, in Ruhe auseinander fitzen. Chayan darf nur von einer weiblichen Person abgeholt und an ihren speziellen Platz weiter oben im Park gebracht werden - Männer kann sie ganz und gar nicht ausstehen und geht direkt zum Angriff über. Die beiden Klammeraffen Negra und Loura, klammern sich (wie sonst :) ) direkt an einen dran und man darf die beiden nicht leichgewichtigen Ladys auf den Platz nach oben bringen. Wenn dann alle soweit mit Bananen versorgt sind - einige müssen extra gefüttert werden, weil sie sich an die anderen nicht herantrauen - wird die Haferkleie herausgeholt und möglichst an alle verteilt. Aufpassen muss man mit dem dicken, fetten Chef (Erasmo), der nicht zu nah an die Leute herankommen soll und wenn er sich angegriffen fühlt seinen 20 Mann Trupp auf eine jagen könnte. Dann kehrt erstmal Ruhe auf dem Platz ein. 10h gibt es Milch für die Babys, die aber auch ganz gern von allen andern getrunken wird -  also verteidigen!  Für den Rest des Tages gibt es ein Job-board, an dem man einen der leidigen Jobs erhält. So z.B. Käfige putzen (dazu gehört auch der grosse Käfig der Klammeraffen und ihr glaubt gar nicht, was die in einer Nacht so produzieren), Decken waschen, auf denen die Affen schlafen (wieder SCHEISSarbeit), Futter schneiden (drei Eimer voll) und trockene Decken in die Käfige legen (der beliebteste Job). Um 12 gibts Mittag (allerlei Obst), d.h. fleissige Träger müssen die Eimer von unten abholen, ca.1km schleppen und den ganzen Weg lang verteidigen. Wenn das Essen dann da ist, muss der Chef (bzw. sein Tisch, der etwas abseits im Baum hängt) zuerst bedient werden und dann der Rest. Die Kleinen wurden vorher an die Tische gebracht und es muss drauf geachtet werden, ob auch alle was abbekommen. Die Ängstlichen werden wieder etwas abseits extra versorgt. Ein Teil der Freiwilligen (wenn genug da sind) hat dann 1,5h Mittagspause und kann unten im Café oder in der Stadt was essen. Der Rest muss die Tische nach dem Essen reinigen - die Säfte und Co könnten Keime entwickeln und unsere kleinen Freunde sollen keine Parasiten bekommen. Danach kehrt wieder Ruhe ein und irgendwann kommt die Ablösung aus der Mittagspause zurück. Nebenbei muss man immermal wieder total verhakte Leinen entwirren - die Groesseren sind so schlau und gehen einfach hinterm Seil den Weg zurück und befreien sich somit selbst. Ansonsten muss man immer damit rechnen, dass eine Horde Touristen im Park einreitet und man sowohl Affen als auch Menschen auf eine Art beschützen muss. Keiner weiss wo das angefangen hat, aber ein Grossteil (und ein paar Spezialisten, wie Speedy und Rafiki) klettern an den Leuten hoch und durchwühlen ä¤mtliche Taschen. Dabei werden Knöpfe, Reissverschlüsse u.ä. problemlos geöffnet und alles herausgeholt. Die Leute werden mit mehreren Schildern darauf hingewiesen, nichts mit in den Affenpark zu bringen (wir haben sogar noch neue Schilder gemacht!), aber immer wieder findet so ein schlauer Kapuziner was. Das Problem ist zum einen, dass sie, wie die Babys, alles in den Mund stecken (so z.B. Kaugummi und Papier), zum anderen geben sie verdammt ungern ihre Beute wieder her. Touristen, die diese Situation nicht gewöhnt sind, wollen ihre Sachen natürlich wieder haben und kreischen und machen wilde Bewegungen. Genau dieses,  steht in den Grundregeln, soll man nicht tun, weil die Affen Angst bekommen, bei Zähnezeigen einen Angriff erwarten und schlussendlich zur Verteidigung zubeissen können. Und ich sage euch, schon die Babyzähne sind verdammt scharf. Wir haben allerdings auch festgestellt, dass die Affen auf das Lachen von Kindern reagieren (kleine Zähne) und manchmal extrem schnell in Angriffsstellung gehen. So geht selten eine Touristengruppe ohne heulendes Kind aus dem Park. Manche Kinder kreischen aber auch echt permanent und man könnte sie einmal kräftig durchschütteln dafür. Zum andern gibt es auch diese Touristen, die permanent alle Tiere anfassen wollen - o.k., sie sind ja auch süss - dass die meisten das aber nicht wollen, entgeht ihnen total. Dir die wollen, kommen schon von selbst. Ich habe mich am Anfang immer gefragt, ob vorher keiner mit den Touristen gesprochen hat, weil selbst die Einheimischen, die angeblich "immer" kommen, sogut wie nichts über den Park und seine Hintergründe wissen. So übe ich fleissig mein Spanisch und informiere (auch die Leute die nicht fragen :) ) darüber, dass die meisten "unserer "Tiere aus Haushalten gerettet wurden und versucht werden, sich mühevoll wieder ins Wildleben zu reintegrieren. Das erklärt dann auch die Leinen, was den Leuten immer als erstes auffällt und sie befremden muss. Die Leinen sind Schutz, damit wir die Tiere im Auge haben, die Kleinen nicht von Grossen "abgeschleppt" und irgendwo im Wald abgestellt werden, ohne den Rückweg zu kennen und damit auch die schwacheren Futter abbekommen. Man trifft immer wieder, auch Kleine, die vor gar nicht allzu langer Zeit eine Leine hatten und jetzt aber im Wald leben und nur zum Essen kommen. Es gibt auch angeleinte, unter anderm Klammeraffen, die so misshandelt wurden, dass sie mittlerweile aggressiv sind und mit den Leinen von den Menschen ferngehalten werden. Es ist immer wieder spannend, wie die Menschen reagieren -  und viele Bolivianer erzählen, sie hätten als Kinder auch Affen zu Hause gehabt.

Abendbrot gibt es um 17h (diesmal Gemüsemix), d.h. wieder fleissige Träger etc. Witzigerweise bekommen die Affen abends Api, ein für die Bolivianer typisches Maismehlgetränk mit Zimt und so. Und sie lieben es! Wenn dann alle gegessen haben, werden die 11 Sonderbetreuten "ins Bett" gebracht, einer der traurigsten Momente am Tag, wenn sie nicht von deinen Armen weichen wollen und dann mit traurigem Blick am Gitter hängen (fast wie im Knast). So stapfen wir nach unserm langen Tag um 18h runter ins Café auf ein Feierabendbier, während die Katzenleute -  so nennen die Affenleute die, die die Pumas, Ozelots und den Jaguar betreuen - längst Feierabend hatten. Die Katzenleute holen, meist zu zweit, morgends die stattlichen "Katzen" aus ihrem Käfig - aus Sicherheit sind die Käfige weit voneinander entfernt, und führen sie (auch an der Leine) auf speziellen Pfaden durch den Dschungel. Zwischen durch heisst das steil bergauf rennen, oder Hänge hinabrutschen...Fleischbrocken füttern...bis dann Nachmittags wieder der Rückweg in den Käfig angetreten wird. Einige der Katzen haben allerdings ein "Laufband" (Vorrichtung mit Karabiner, die Auslauf ermöglicht), weil sie schlecht zu "spazieren" sind. Vom Affenpark aus kann man durch die Bäume am Flussufer unten immermal einen Puma laufen sehen. Im neuen Park, der viel einsamer und von Zvilisation entfernt im Norden liegt sollen die Katzen dann frei leben können. Hier ist die Nähe der Menschen zu gewagt und auch für die Katzen gefährlich, die gejagt werden könnten. Abends kochen wir meistens noch was, duschen (lange nicht so viel Seife verbraucht, wie in diesen 13 Tagen) und fallen totmüde ins Bett. Soweit zu unserem Rhythmus und den täglichen Aufgaben, den man im Parque Machia als Freiwilliger hat. Eigentlich dachten wir, wir würden hier eine ganz andere Arbeit, als sonst im Leben machen, am Ende waren wir auf eine Art sehr sozial tätig (wie immer). Ich hatte von Anfang an Papichoulo meine ganz persönliche Aufmerksamkeit geschenkt. Der Arme reisst sich vor Nervosität die Haare an den Beinen raus und hat Angst vor allen andern Affen. Ihr glaubt gar nicht, wie stolz ich war, als er in meinen letzten beiden Tagen versucht hat, mit den anderen am Tisch zu essen. Was für ein Erfolg :) ! Nebenbei hatte ich ziemlich oft Blanquita, mit 2Monaten unser jüngster Schützling, auf der Schulter. Zum einen braucht sie ja noch ziemlich viel körperliche Nähe und Wärme, zum anderen muss man sie ansonsten mit einem Schloss (!) festbinden, weil ihre Adoptivmutter alle Knoten aufbekommt und sie mit Leidenschaft entführt. Auch Blanquita zeigt gern scharfe Zähne, wenn sie nicht von der Schulter will - ab und zu soll sie auch mal nach Insekten suchen oder mit den andern spielen. Beni ist ein echter Schulterhocker und verbringt die meiste Zeit seines Tages auf Mors Schultern (eine israelische Freiwillige) - ist ein Höhepunkt, wenn er auf eigene Faust unterwegs ist. Mass und Jerry sind immer gut selbständig unterwegs, d.h. Jerry muss man regelmässig entfitzen wenn er unterwegs ist. Die beiden Klammeraffen, Loura und Negra sind sehr kuschelig, besonders, wenns kalt ist (alle andern hüpfen dann aber auch gern unter die Pullis). Ansonsten ist alles sehr Laune abhängig. Mal hängen sie in den Bäumen, halten sich dabei immer auch mit dem Schwanz fest (sehr beeindruckend!), bei schlechtem Wetter sitzen sie manchmal auch wie beleidigte Leberwurst in der Ecke, wenn die Sonne herauskommt, sehen sie aus wie Beachgirls. Sie sind in ihren Gesten und Eigenarten den Menschen schon am Aehnlichsten.

Bany hat - leider erst gegen Ende - seinen persönlichen Schützling Jenni gefunden. Ein echt schmächtiges kleines Äffchen, dass vor ca. 2 Jahren "freigelassen" wurde und extrem schissig ist. Wenn Bany kommt, fällt sie ihm juchzend und quietschend um den Hals und hat es bis zum Ende sogar schon dichter an den Pak geschafft zum Essen. Ähnlich wie Papichoulo ist sie beim Essen mehr mit den Augen am rotieren, ob auch keiner kommt, statt zu fressen.

Als Aushilfe war ich für einen Tag mit den Pumitas ("kleine Pumas") unterwegs, die mit ihren 9 Monaten gar nicht mehr so klein sind. Die nach dem Park benannten Mädels Inti, Wara und Yassi werden an Leinen am Flussufer spazieren geführt, wobei sie immerwieder auf einander lauern und man so manches mal seines Arm davonfliegen spürt die haben eine Mordskraft! Dann kommt die erste Fütterung und weit auseinandergehalten stürzen sie sich mit einem wilden Geräusch auf ihre "Beute". Trotz ihrer Grösse machen sie sonst nur lustigerweise ein klitzekleines Katzenmiau. Später gehts in den Fluss schwimmen. Mit ihren Tatzen kämpfen sie gegen die starke Strömung und schwimmen auf dich zu und immer wieder um dich herum. Mittags, wenn das Essen gebracht wird (für die Betreuer) muss man die Damen anbinden, weil sie den Besuch falsch verstehen könnten. Nachmittags wieder spazieren, schwimmen, lauern...bis sie wieder in ihr Haus kommen. Die Vertretung hat bis auf die enorme Hitze, die man aus dem schattigen Affenpark nicht kennt, sehr viel Spass gemacht.

Unsere Zeit hier ging viel zu schnell um und auch wegen unserer Schützlinge haben wir beschlossen: WIR KOMMEN WIEDER!!!!!

Mit lachendem und weinedem Auge verlassen wir Villa Tunari nach 14 Tagen Intensität und Rhythmus, die uns zunächst gleich mal fehlen. Die bolivianischen Mitarbeiter haben uns, wie auch wir sie, sehr ins Herz geschlossen und auch die Langzeitfreiwilligen (ein schottisch-französisches Paar) sind froh, uns kennengelernt zu haben. Mit dem Gefühl, dass man bald wieder da ist, ist der Abschied auch nicht so schwer. So düsen wir zurück nach Cochabamba, wo wir eine Nachtpause machen, und dann weiter nach La Paz. Im Dunkeln reisen wir dort ein und finden mit Mühe unsere Unterkunft im Stadtgewühl. Mit Grossstadt können wir gerade eigentlich gar nix anfangen. Noch dazu kämpfen wir, wie jeder, mit Kopfschmerz und Müdigkeit wegen der Höhe - sind wir doch in der höchsten Haupttadt der Welt. Verrückt, wie sich La Paz an den umliegenden Bergen hochzieht, die z.T. sogar Schneegipfel haben. Wir müssen hier eine Versicherung fürs Auto abschliessen und dummerweise ist Wochendende und wir sind auf eiligem Weg nach Lima um Banys Ma und Bruder zu treffen. Unser Versuch, heute damit anzufangen, ist aus Zeitmangel, Stress (Tasche stehenlassen, aber zum Glück wiederbekommen) u.ä. schiefgegangen. Jetzt müssen wir hoffen, dass am Montag alles schnell über die Bühne geht, damit wir weiterkommen. Sind dann den Rest des Tages durch die bunten, steilen Strassen geschlendert, am "Hexenmarkt" gewesen und haben versucht uns mit dem Stadtleben zu aklimatisieren. Nicht so einfach... Es steht noch das hochgelobte Coca-Museum aus und vielleicht machen wir ja eine Sonntagsausflug zu den Inkaruinen in Tiwuanaku . Erstmal haben wir viereckige Augen vom Computer und schlendern gleich ins Café um die Ecke, wo ehemalige Kollegen aus Villa Tunari sitzen. Hoffen ihr könnt unsere ausgebrochene Affenliebe etwas nachvollziehen :)

Hasta luego in Peru

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